Lebte Jesus in Indien?

von Heinz Günther Birk


Diese in Frageform gewählte Überschrift war in der jüngsten Vergangenheit der Stoff, aus dem Bestseller geboren werden. Vor allem im Jahre 1993 sorgte Holger Kersten1 mit einem, auch ins Englische übersetzten Buch für helle Aufregung und erbitterte Dispute. Gleich auf dem Buchcover der gebundenen Ausgabe sieht man einen offenbar buddhistischen Heiligen mit einem Lamm als ein Attribut des guten Hirten. Schlägt man den Buchdeckel auf, erkennt man auf der Innenseite die seltsamen, von brennenden Kerzen umrahmten Fußabdrücke im Eingangsbereich des indischen Tempels von Srinagar. Diese scheinen auch etwas besonderes und vor allem Heiliges zu repräsentieren. Genau hier, in diesem Grabmal, ruhen denn auch zwei heilige Männer untereinander! Ganz oben soll ein muslimischer Heiliger seine letzte Ruhe gefunden haben, in exakter Nord/ Süd- Richtung hat man ihn gebettet. Genau unter diesem, also irgendwann vor dem Ableben des Obenliegenden, wurde der andere heilige Mann in Ost/ West- Richtung bestattet, was allgemein als hebräischer Ritus aufgefaßt wird. Zu letzterem sollen eben die erwähnten Fußabdrücke gehören, welche an den Fußsohlen des einstmals Lebenden erkennbar durchbohrt wurden. Hier vor Ort, dieser Grabtempel stellt ein bedeutendes Heiligtum und zugleich einen Wallfahrtsort dar, sind alle Besucher und Pilger fest davon überzeugt, daß es sich bei dem unteren der beiden Begrabenen um Jesus von Nazareth handelt. Die Wundmale der sichtbaren Fußabdrücke seien "ohne Zweifel" diejenigen des Gekreuzigten, wobei die Male von den Nägeln stammen sollten, mit denen man dessen Füße am Kreuz von Golgatha angenagelt hätte. Es nimmt kaum Wunder, wenn diese "Erkenntnis" zu wilden und wüsten Thesen geführt hätte, Jesus hätte diese grausige Tortur der angeblich römischen Kreuzigung überlebt, sei nach Indien geflohen, hätte dort seine Lehren weiter unters Volk gebracht und sei schließlich im indischen Srinagar verstorben. Da eine Blüte selten und alleine wächst, folgten diesen sensationellen Enthüllungen weitere Ableger. Schon Holger Kersten, diesmal mit seinem Mitautor Elmar Gruber2, ließ den sensationellen Enthüllungen des ersten Buches sogleich die nächsten und für so manchen schier atemberaubenden Erkenntnisse folgen. Hier wurde Jesus von Nazareth sogar als Nutznießer und Lehrer des erhabenen Buddha "entlarvt". Zur Abrundung dieser News, ließ man ihn bei den Therapeuten in Alexandria erziehen, nach Palästina reisen und zur "Weiterbildung" im "Wüstenkloster" von Chirbet Qumran sein Quartier nehmen. Fertig war eine zwar interessante, aber letztlich wackelige Interpretation des spannenden Themas vom Leben Jesu.

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Nun fielen solche Thesen, ähnlich wie beim Gleichnis vom Säemann, jedoch auf fruchtbaren Boden und wurden wie der kleinste der Samen, der des Senfkorns, zur größten Blüte weit und breit. Schon recht bald, die hier zitierten Arbeiten bedingen ja zwingend eine lebend überstandene Kreuzigung, wenn tatsächlich in Indien Jesus letzte Ruhestätte wäre, schwappte diese Debatte zur sogenannten Grabtuchdiskussion über. Alleine die auf dem Tuch gefundene recht hohe Kontamination von altorientalischen Heilpflanzen, wie Aloe und Myrrhe, schien diesen Thesen erneut Schwung zu verleihen. Diese laut Johannes-Evangelium in der kaum glaublichen Menge von 35 kg. von Joseph von Arimathia besorgten, äußerst kostbaren Pflanzen seien ausschließlich für die Versorgung von Wunden eines Schwer- und Schwerstverletzten erklärlich. Kein Wunder also, wenn diese "sensationellen" Erkenntnisse in Richtung des mittlerweile weltberühmten Grabtuches von Turin, sowohl die Thesen von Kersten zu bestätigen schienen, als auch für jede Menge Verschwörungstheorien den gesuchten Stoff hergaben3. Gerade die festgestellten Spuren von Aloe und Myrrhe sollen ja dafür verantwortlich gewesen sein, daß sich in dem Grabtuchbild das Bild des Jesus von Nazareth mit Hilfe ungewollter chemischer Reaktionen erhalten hätte. Als eine Art Foto, wie es die erste Aufnahme dieses Grabtuches im Jahre 1898 durch den italienischen Fotografen Secondo Pia zu beweisen scheint. Als dieser seine in der weltberühmten Kathedrale von Turin belichtete Platte entwickelte, erkannte er mit "heiligem Schauder", wie Pia in seinen Aufzeichnungen beschreibt, daß das Grabtuch selber wie ein Negativ wirke und das entwickelte Bild als Positiv zu erkennen sei. Das erkennbare Gesicht auf diesem Tuch durch das Umwickeln mit dem kontaminierten Leinen als unvorhergesehene Fotografie, so liest man es mittlerweile allenthalben. Doch wie so oft in den Annalen der sensationellen Erkenntnisse, hat auch dieses Fotoargument seine Webfehler. Stellt man sich eine möglichst körperenge Umwicklung des Schwerverletzten vor, um eben das Heiltuch mit den aufgetragenen Pflanzen möglichst effektiv an die zu behandelnden Wunden zu bringen, so dürfte das Bild auf dem Tuch nicht so aussehen wie es aussieht. Wenn das auf jeder nur einigermaßen brauchbaren Fotografie des Grabtuches zu sehende Gesicht durch Aufdrücken des Tuches entstanden sein soll, müßte es sich beim Ausbreiten des Linnen in die "Breite" ziehen. Es dürften keine festumrissenen Konturen sichtbar sein, was jedermann mittels Aufdrücken eines nassen Handtuches selbst nachvollziehen kann4. Obgleich an dieser Stelle verlockend, wollen wir uns in die spannende Grabtuchproblematik nicht vertiefen, da es um Srinagar und die geheimnisvollen Fußabdrücke dort geht. Nur, soviel ist gewiß, wenn diese Fußabdrücke mit den durchbohrten Fußsohlen nicht als Beleg für einen die Kreuzigung Überlebenden gelten können, ist der dort Begrabene auch nicht Jesus von Nazareth.

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Selbst die angeblich hebräische Bestattungsform Ost/West muß solchen Zweifeln nicht entgegenstehen. Selbst die Hüter kirchlicher Lehren, welche laut ihren eigenen Postulaten einen begrabenen Leib des zum Himmel gefahrenen Jesus niemals tolerieren könnten, bräuchten keine schlaflosen Nächte zu fürchten. Oder doch!?

Was wäre, im Nachgang zu den Kersten/ Gruber- Thesen5, wenn Christus nicht durch die Lehren des erhabenen Buddha inspiriert worden wäre, sondern der auch Sidharta Gautama6 genannte Mann, seine Vision von dem übernahm, welcher in Srinagar seine Abdrücke mit den Malen an den Fußsohlen hinterließ? Von einem Mann, welcher, ähnlich wie Buddha selbst, aus einem "goldenen Käfig" stammte und sich der Armseligen und Beladenen annahm? Dies würde sich sowohl mit den Lehren des Buddha als auch ( richtig von Kersten erkannt1) mit den Intentionen der Bergpredigt Jesu vertragen. Vor allem in Bezug auf diesen Jesus von Nazareth ist ja jedem dessen Einzug in Jerusalem, wie es das Evangelium nach Johannes schildert, ein Begriff. Unmittelbar vor Ostern, man feiert alljährlich den Palmsonntag, gedenkt man dessen Ankunft, bejubelt vom damals rechtlosen Volke. Was die "Masse" als die Hoffnung auffaßte, vom Joch befreit zu werden, begriffen die "da oben" als eine Bedrohung. Um das Himmelreich zu ererben, bedürfe es weder Opfer noch vorgeschriebener Riten und Gebete im Tempel, so auch die Bergpredigt. Auf einem Esel, so das Evangelium, zog der von der Menge als König der Juden bejubelte in Jerusalem ein. Den Esel natürlich als ein sich selbst erniedrigendes Zeichen. Doch nicht nur im Neuen Testament findet sich die Schilderung des Einzuges eines vom Volke bejubelten Königs als Hoffnungsträger. Schon im Alten Testament, im Buch des Propheten Sacharija findet sich dieser Einzug des Friedenskönigs7. Der hier geschilderte Einzug in Jerusalem wird gemeinhin als prophetische Weissagung zukünftiger Ereignisse angesehen. Doch die im mittlerweile weltberühmten Wadi Qumran gefundene Sacharija- Rolle gibt diverse, für unser Thema interessante Abweichungen vom kanonischen AT- Text zu Protokoll. Nicht nur, daß der Einziehende auf dem Füllen der Eselin reitet, was einer weiteren "Erniedrigung" entspricht, auch die Hochrufe klingen anders als in kanonischen Schriften. Statt der Bezeichnung, "König der Juden", wie in Sacharija und Johannes gebraucht, spricht die qumranische Sacharijarolle unzweideutig vom König der Könige, was im Verständnis der damaligen Welt nichts anderes bedeutet, als der König von Ägypten, der amtierende Pharao.

Wenn man sich an dieser Stelle vorstellt wie ein derart fast schon prähistorischer Kommunismus auf die priviliegierte Oberschicht im Sinne von bedrohlichen Lehren wirken müßte, könnte man sich die Wirkung im dualen Ägypten beinahe schon plastisch vor Augen führen. Im Ägypten der Pharaonen starb man nicht wirklich, sondern man wechselte nur sein persönliches Dasein vom diesseitigen Leben zu dem "da drüben". Diese jenseitige Welt war den Menschen an den Ufern des Nils allgegenwärtig. Die Menschen des Alten Ägyptens gingen davon aus, daß der erworbene Status hier auch dort drüben in der "anderen Welt" ( darum Dualismus) erhalten blieb. Reich blieb reich und arm blieb arm, so könnte man diese Theosophie umschreiben. Daran glaubte man nicht nur, man "wußte" es sogar. Mit dem Wind kamen gemäß dieser Theosophien die Geister der Verstorbenen "zurück", wenn die Lebenden der ersten Welt die notwendigen Riten nicht vorschriftsmäßig erfüllten. In einem ägyptischen Grab fand man einen Text8, welcher sogar einer Seele dort "drüben" eine Klage vor einem ordentlichen Gericht hier "unten" androhte. Ein hoher Beamter Ägyptens drohte seiner verstorbenen Frau eine Klage an, wenn sie nicht aufhören würde, ihm und den Kindern die erwünschte Fröhlichkeit zu rauben.

Wenn im Sinne solch festgefahrener Theologien, wo jeder wußte, was er war und was er werden würde, jemand kommen würde, welcher die Gleichheit aller Menschen, als gleichberechtigte Söhne des Allerschaffers, des Allvaters verkünden würde, ließe sich der innenpolitische Impakt der festgefügten Ordnung lebhaft vorstellen. Der, welcher die verdreckten Töpfe reinigte, sollte dort in der dualen " Anderswelt" nicht weniger gelten, als der reiche Fürst der "unteren" Welt.

"Vor meinem Vater sind alle gleich" , so auch die Bergpredigt. Kein Wunder wäre es, wenn solche Lehren in adeligen und priesterlichen Kreisen nicht unbedingt auf offene Ohren stießen. Zu diesem Tenor, die Sonne alleine scheine für alle und sei für alles Leben alleine verantwortlich, ist wohl der merkwürdigste und gleichsam unverstandene ägyptische Pharao Echnaton zugleich Programm. Heutzutage eher bekannt durch die Büste seiner Gattin, der Königin Nofretete oder des von Howard Carter im Jahre 1922 gefundenen Grabes seines Nachfolgers Tut- Ench- Amun im Tal der Könige, gilt dieser König allgemein als der Sonderling des Pharaonenreiches, als der Ketzerkönig schlechthin. Als Amenophis IV. den Thron bestiegen, als Thronfolger des früh verstorbenen Bruders, des eigentlichen Kronprinzen, führte dieser Pharao den herrschenden Amunpriestern zufolge, absolut fremde und "ketzerische" Vorstellungen ins Land an den Ufern des Nils ein. Inspiriert von seiner Mutter, der großen Mutter Ägyptens und ursprünglich Tochter des persischen Hirtenvolkes der Mitanni, der Königinmutter Teje, verkündete Echnaton wohl "Ungeheuerliches". Vor seinem und dem Vater aller Menschen, der personifizierten Sonnenscheibe, seien alle gleich. Sein Vater, die lebensspendende Sonnenscheibe, ginge im Osten auf und im Westen wieder unter, spendete allen Pflanzen und Tieren, Menschen natürlich auch, ohne Ansehen das gleiche Leben. Titel und Vermögen seien, so Echnaton in seinen "ketzerischen" Lehren ohne Bedeutung, da der Vater sein leuchtendes Angesicht tagtäglich über alle erheben würde. Man kann sich gut den Schock, wenn aus königlichem Munde verkündet vorstellen, wenn alle Bemühungen hier hüben, um da drüben ein wohlgefälliges Leben zu bekommen, plötzlich reine Makulatur sein sollten. Ganz nach dem Motto "das letzte Hemd hat keine Taschen", waren alle Investitionen - sprich: Opfer an Tempel und Götter - nutzlos, da man mit diesen Ablaßscheinen dort nichts vorherbestimmen konnte. Mit dieser Gedankenwelt und Theosophie fiel zugleich die Machtbasis der staatstragenden Amunpriester im oberägyptischen Theben in sich zusammen. Warum denn Opfer in den Tempel tragen, wenn´s denn nichts nütze ist?

Nun hat dieser "Ketzerkönig" trotz seiner relativ kurzen Regierungszeit von 16 Jahren, seine Spuren auch in zukünftigen Zeiten hinterlassen. Obgleich die von ihm gegründete neue Hauptstadt Achetaton oder auch Tell el Armana nach seinem Tode recht bald verlassen und vom Staub der Wüste begraben wurde, finden sich die Lehren dieses, nach seinem Verständnis "einzigen Propheten" des Sonnengottes Aton, bis hinein in heilige Schriften. Seinem himmlischen Vater, dem seiner Lehre gemäß einzigen und wahren Gott Aton, widmete und komponierte Echnaton wohl verschiedene Hymnen und Lieder. Vor allem der Hymnus an die Sonne findet sich in interessanten Parallelen im Alten Testament, im Psalm 104 wieder. Doch nicht nur dort, auch in den Qumranrollen, den sogenannten Hoyadot oder Lobeshymnen finden sich vergleichbare Hymnentexte. Diese Merkwürdigkeiten, welche so gar nicht einer Art "früh- oder vorchristlicher" Sekte entsprechen, hat auch schon neuzeitliche Experten solcher Schriften des Altertums in Erstaunen versetzt. So konstatiert Dr. Werner Eekschmitt9 beim Studium diverser Texte, wie auch in der Tempelrolle: "Es scheint, als wenn diese Qumranessener die Sonne angebetet hätten- täglich"! Was hier auf den ersten Blick von Dr. Eekschmitt als merkwürdig empfunden wird, erklärt sich bei einer möglichen fremden Herkunft dieser Atonverehrung, was nichts anderes zu sein scheint, als die Personifizierung der lebensspendenden Sonnenscheibe. Mag eine tägliche Anbetung der Sonnenscheibe merkwürdig klingen, in einem Lebensraum wo diese eben täglich von Ost nach West ihre Reise tut, ist dies in Gegenden, wo die Sonne für mehrere Monate in der "Unterwelt" verschwindet weit weniger seltsam. Jenseits des nördlichen Polarkreises nämlich, wo die Winterdunkelheit, die Abwesenheit der Sonnenscheibe den Menschen bekanntermaßen zum Leben gehört, wäre eine solche Verehrung wie in der Tempelrolle aus Qumran um vieles nachvollziehbarer. Natürlich auch die von Echnaton verkündete Lehre des allen zugleich gespendeten Lebens durch den Gott Aton. Die Verehrung der personifizierten Sonnenscheibe, welche im Gegensatz zum bisherigen Staatsgott Amun mit festen Orten der Verehrung, also großen Tempeln einer seßhaften Ackerbaugesellschaft, eher als eine Vorstellungswelt einer paganen Hirtenkultur vorstellbar ist, kennt man besser aus persischen Siedlungsgebieten. Von dort kennt man den Gott Mithras, welcher als Sohn der Sonne mit Sonnenscheibe und deutlich sichtbaren Strahlen auf vielen Abbildungen dargestellt wird. Dieser Mithraskult bietet so ziemlich alles, was das Neue Testament in Bezug auf das Leben und den Leidensweg des Jesus von Nazareth berichtet. Die Geburt in einer Höhle durch eine heilige Jungfrau, eine Art Kreuzigung und die Wiederauferstehung nach dem dritten Tag, bis hin zur anschließenden Himmelfahrt. Nur, daß sich dies alles 500- 600 Jahre vor Christi Geburt ereignet haben soll. Dieser merkwürdige Umstand war schon dem Kirchenvater Eusebius von Cäsarea aufgefallen. In seinen Büchern zur Kirchengeschichte schreibt Eusebius: " Der Teufel hat die Zeit gedehnt, um unserer Religion zu schaden".

Kamen auch die im Sinne der alteingesessenen Amunpriester des Reiches fremden und ketzerischen Lehren aus Richtung Norden, via Nildelta ins oberägyptische Theben? Als Echnaton mit seinen Lehren den ägyptischen Thron bestieg, waren es gerade mal 150 Jahre her, da Ägypten von fremden Herren beherrscht wurde, den Hyksosvölkern, deren Hirtenkönige wohl als Pharaonen herrschten. Wer genau diese Hyksos waren und vor allem, woher sie ursprünglich kamen, ist heutiger Wissenschaft immer noch nicht völlig klar. Deren ursprüngliche Residenz nach ihrem Sieg über Ägypten war jedoch die unterägyptische Stadt Memphis, wobei hier oben am Nildelta, die Verehrung der Sonnenscheibe als das Licht der Welt, in dem nahe des heutigen Kairo gelegenen Heiligtum Heliopolis schon länger heilig war. Zur Zeit als die fremden Hyksos- Könige vom Pharaonenthron schon wieder vertrieben waren, wurde der eigentliche Thronfolger des regierenden Pharao in der oberägyptischen Stadt Theben erzogen. Doch nicht unbedingt die jüngeren Prinzen, sie verlebten wohl häufiger ihre Jugend im unterägyptischen Memphis. Auch mußten die Prinzen in der nachrangigen Thronfolge nicht unbedingt von der First Lady, der eigentlichen Königin abstammen. Die Mutter konnte ebenso eine der meist zahlreichen, nicht unbedingt ägyptischen Ehefrauen des regierenden Pharaos sein. Stieß dem Kronprinzen "irgendetwas" zu, konnte auch ein solcher Prinz durchaus Pharao werden.

Nun hat ja gerade die Herkunft, die Familiensaga des Echnaton immer wieder für Verwirrung gesorgt, seine völlig fremden Lehren, welche im dualen Ägypten wie ein Stachel im Fleisch wirken mußten, waren wohl kurz nach seiner Geburt schon als Gefahr erkannt worden. Geboren von einer fremden Mutter, mit den gefährlichen Lehren der fremden Hirtenvölker?

Solche, auf den ersten Blick merkwürdigen Thesen, stellte in den 60 er Jahren schon Immanuel Velikowsky10 zur Diskussion, was auch im Hinblick neuer Erkenntnisse sowohl zum Turiner Grabtuch, als auch zu den mysteriösen Fußabdrücken im Eingangsbereich des Tempels von Srinagar führen könnte. Velikowsky interpretierte in brisanter Weise die angeblich griechische Ödipussaga neu. Diese spiele nicht im Theben Griechenlands, sondern im hunderttorigen Theben von Ägypten. Aufgrund eines negativen Orakels der Götter, so diese Ödipussage, durchbohrte man dem erst dreijährigen Ödipus die Fußsohlen und jagte ihn in die öde Wüstenei. Dort eigentlich völlig hilflos, den wilden Tieren ausgeliefert, wurde der Verstoßene wie durch ein Wunder gerettet. Arme Hirten fanden den Jungen und zogen ihn wie ein eigenes Kind auf. Irgendwann und irgendwie kam der junge Ödipus an einen fremden Königshof, wo er bald von der Königsfamilie quasi adoptiert wurde. Dort erfuhr der zum Jüngling herangewachsene, daß das Königspaar nicht seine Eltern waren, was bei ihm den Entschluß reifen ließ, seine wahren Eltern und seine Herkunft zu suchen. Seinem Orakel jedoch nicht entkommend, erschlug der junge Ödipus im Streit seinen eigenen Vater. Dies natürlich nicht ahnend, machten ihn die Menschen seiner ursprünglichen Heimat zum König, laut Velikowsky zum Pharao von Ägypten. Das Interessante an dieser nur in aller Kürze zu schildernden Story der Ödipussage, sind die im Alter von drei Jahren durchstochenen Fußsohlen des als Sündenbock in die Wüste gejagten Knaben. Wie man sich gut vorstellen kann, sind solche nicht heilenden Wunden an den Fußsohlen eines dreijährigen Jungen, für eine ganze Reihe von fatalen Folgen für dessen späteres Leben verantwortlich zu machen. Es muß zwangsläufig zu Deformationen des heranwachsenden Körpers, wie zum Beispiel einer ausgeprägten Rückgratverkrümmung kommen. Wegen der offenen Wunden, ist ein "Geradegehen" eben in dieser entscheidenden Wachstumsphase völlig unmöglich. Die Folge müßten eben Deformationen am gesamten Körper sein. Ebendiese werden bei gefundenen Statuen des Pharaos Echnaton, ob im Louvre von Paris oder im ägyptischen Museum von Kairo, stets überdeutlich dargestellt11. Nicht nur, daß man - völlig ungewöhnlich - diesen Pharao bis auf dessen königliche Insignien nackt dargestellt hat, seine ganze Gestalt sieht wenig heldenhaft aus. Ein wenig gebeugt, der Unterkörper weiblich mit ausladenden Hüften, hervorstehenden Bauchfalten, dazu ausgeprägte Waden denen recht dünne Beine folgen, nicht gerade sehr schön eben. Diese etwas traurige Gestalt machte wohl Echnaton oder dessen Priesterschaft zum Programm. Es wurde zum Beweis für seine Abstammung vom Gott Aton!

Nun braucht man nicht allzuviel Phantasie, um sich vorzustellen, daß nach einer aus der Sicht der von Echnaton entmachteten Amunpriesterschaft erfolgreichen Reconqista, der Rückeroberung einstiger Macht, die Unterlegenen im Untergrund auf Revanche sannen. Durchaus möglich, daß die gegnerische Atonpriesterschaft den bedrängten Echnaton vor seinen Verfolgern in Sicherheit brachte. Ins Reich seiner "Zieh- Eltern" am besten. Dorthin, woher seine Lehren stammten, wo seine Lehrer, die Weisen der einstigen Hirtenvölker, ihre Theosophie der lebensspendenden Sonne, welche für alle gleich sei, herkamen. Übers Rote Meer hinweg, ins Innere Asiens? Nach Indien, wo die Lehre des Aton ihre Früchte in den Lehren des erhabenen Buddhas fanden? Ein unveränderliches Zeichen hatte ja Echnaton seit seinen Kindertagen, seine durchstochenen Fußsohlen. Wo immer dieser barfuß gegangen sein mag, seine Spuren waren deutlich sichtbar. Der Gott Aton des Propheten Echnaton ging im Osten auf und im Westen unter.

Literatur und Anmerkungen

1.) "Jesus lebte in Indien", Holger Kersten, Langen Müller, München 1993.

2.) "Der Ur- Jesus", Elmar Gruber/ Holger Kersten, Langen Müller, München 1994.

3.) Siehe z.B.: " Jesus starb nicht am Kreuz", Gruber/ Kersten, Langen Müller, München 1998.

4.) Der Verfasser dankt Herrn Horst Rennert aus Hannover für diesen interessanten Hinweis.

5.) Siehe Anm. 2!

6.) Siehe auch: " An den Grenzen unseres Wissens" Band I, CTT- Verlag, Suhl 1997, im Beitrag: " Biblische Geschichte neuinterpretiert", vom Verfasser dieser Arbeit.

7.) Sacharija 9.9!

8.) " Das ägyptische Totenbuch", Albert Champdor, Knaur TB!

9.) " Ugarit- Qumran und Nag Hammadi", Werner Eekschmitt, Verlag Phillip von Zabern, Mainz 1993.

10.) " Ödipus und Echnaton", Immanuel Velikowsky, Ullstein T.B.11.) "Echnaton, Amun und Aton", Otto Ernst, Efodon- Dokumentation DO-36, Hohenpeißenberg 1998.


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