Editorial Heft 33
Liebe Mitglieder, liebe Freunde, liebe Leser,
Weihnachten kündigte sich mancherorts anno 1999 früher denn je an. Lange vor dem 1. Advent harrten Weihnachtsstollen und Schokonikoläuse der zahlenden Kundschaft. "Ja, Ja, das Christfest wird halt immer mehr kommerzialisiert! Der Geist dieses Festes geht immer mehr verloren!" So lamentieren wir gern, und das wohl mit Fug und Recht. Doch es sind nicht böse Mächte aus dem All, welche die Menschheit steuern. Wir bestimmen nach wie vor unser Leben selbst, auch wie wir Weihnachten feiern.
Weihnachten ist und bleibt das Fest der Nächstenliebe. Und wenn wir gerade zu dieser Zeit erkennen, wie das wachsende Bedürfnis nach frommer Besinnung und innerer Einkehr kommerziell mißbraucht werden kann, dann liegt es an uns, ob wir uns darüber ärgern oder unser Leben ändern. Ein erster kleiner Schritt in die Richtung – von einem einzelnen getan – ist schon mehr als das Beklagen der Tatsache, daß unsere Gesellschaft immer herzloser wird.
Ob nun das Alte Jahrtausend am 31.12.1999 oder erst ein Jahr später endet, darüber mag man streiten. Gute Vorsätze zum Neuen Jahr freilich werden ebenso schnell vergessen sein wie ein Neues Jahrtausend. Wer sich indessen ändern, sprich bessern möchte, der sollte damit nicht erst auf ein Neues Jahr oder Neues Jahrtausend warten. Und konkrete Umsetzung guten Willens im kleinen Maßstab ist allemal mehr wert als noch so edle Gedanken, die besonders im Dezember eines jeden Jahres gern so vollmundig formuliert werden.
Giordano Bruno starb vor fast 400 Jahren auf dem Scheiterhaufen, weil wenige mächtige Intolerante dies so wollten und weil die vielen Machtlosen das zugelassen haben. Daß freilich entschlossener Mut letztlich jede totalitäre Diktatur stürzt, das bewiesen hinlänglich die friedlichen Revolutionäre in den Neuen Bundesländern, die vor nunmehr zehn Jahren die perverse Mauer zwischen Ost und West zum Einsturz brachten. Vergessen wir nicht die Mauer in unseren eigenen Köpfen, die wir zum Beispiel aus Angst vor gänzlich anderen Ansichten erbaut haben und womöglich immer noch pflegen. Für mehr Toleranz in unserem alltäglichen Denken kann dieses Blatt eine Lanze brechen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. In diesem Sinne ...
Herzlichst, Walter-Jörg Langbein
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