Extra-Geographie und Phantastische Vernunft
von Nicolas Benzin
Denkmodelle von Charles Hoy Fort (1874-1932), Louis Pauwels (1920-1997) und Jacques Bergier (1912-1978) auf dem Weg zur Paläo-SETI-Hypothese. Der Gedanke außerirdischen Lebens und einer Vielzahl von bewohnbaren Welten wurde von verschiedenen Naturphilosophen seit Jahrhunderten diskutiert. Die Idee vom einstigen Erdenbesuch solcher außerirdischer Wesen (Paläo-Besuch) findet sich hingegen seltener.
Einer der ersten, die sich im 20. Jahrhundert mit den Besuchen und Eingriffen extraterrestrischer Intelligenzen auf der Erde auseinandergesetzt haben, war der amerikanische Journalist und Schriftsteller Charles Hoy Fort (1874 - 1932).
In seinem Buch der Verdammten und drei weiteren Werken zeigte er auf, dass unser heutiges scheinbar sicheres "Wissen" auf dem Ausschluss unbequemer und schwer zu integrierender Daten beruht - den sogenannten Verdammten. Fort durchforstete zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften nach diesen Daten und entwarf eine auf ihnen basierende alternative Wissenschaft.
Nach Fort gibt es keine endgültigen Antworten oder Erklärungen für die Phänomene unseres Universums, sondern immer nur Annäherungen an das Reale oder Absolute, wie er es nannte. Denn keine Theorie könne das Absolute in seiner Gesamtheit beschreiben oder erfassen.
Da Fort mit seinen Ansichten (und nur um solche handelt es sich) mehr Daten integrieren konnte, als die traditionelle Wissenschaft, hielt er sie für bessere Annäherungen an das Reale oder Absolute. [1]
Charles Fort gelangte aufgrund der von ihm gesammelten Daten auch zu der Annahme einer Extra-Geographie: "Die Annahme, dass andere Welten versuchen, mit dieser unserer Welt in Verbindung zu treten, ist recht verbreitet: Meine eigene Ansicht ist, dass es sich nicht um einen Versuch handelt: dass der Kontakt schon seit Jahrhunderten besteht." [2]
Weiter führt Fort aus: "Ich glaube, draußen im Raum zwischen den Planeten gibt es Heerscharen himmlischer Wüteriche, angeführt von Super-Tamerlanen - die einst über die alten Zivilisationen herfielen, unter ihnen aufräumten und nur Knochen, Tempel und Monumente übrig ließen - für welche die späteren Historiker dann exklusionistische Geschichten erfanden." [3]
Dass Forts Ansichten in Wissenschaftskreisen als albern und absurd gelten, macht folgende - durch die alten Menschheitsüberlieferungen aber gedeckte - Aussage deutlich: "Ich glaube, wir sind Besitz. Wir gehören etwas anderem: Dass die Erde früher einmal Niemandsland war. Dass andere Welten sie erforschten und kolonisierten und um die Vorherrschaft kämpften, dass wir aber jetzt jemandem gehören: Dass Etwas Eigentümer der Erde ist - alle anderen haben keinen Zutritt." [4]
Charles Fort sammelte weiterhin "verdammte Daten" und entwickelte seine Ansichten weiter, die er dann 1923 in seinem Buch Neuland vorstellte. Darunter befinden sich auch einige heute als offensichtlich falsch zu beurteilende Annahmen, wie die Verneinung der Erdrotation. Doch Fort stellte klar: "Wir sammeln die Daten. Leider werden wir der Versuchung nicht widerstehen können, über sie nachzudenken und ein wenig zu theoretisieren. Möge die Super-Embryologie unseren eigenen Vernunftschlüssen gnädig gesonnen sein.
Wir bedenken, dass wir die Berechtigung zu mindestens 13 Seiten krasser und dummer Fehler haben. Danach werden wir erklären müssen." [5]
Fort verglich die Entwicklung wissenschaftlicher Ansichten mit der eines Embryos. Bestimmte, bereits angelegte Dinge werden erst zu einem genau feststehenden Zeitpunkt ausgebildet - wenn die Zeit dafür reif ist. In gewissem Maße ist die Entwicklung vorherrschender Dominanten und ihre Ablösung durch neue - ein ständiger Wechsel also - bereits vorherbestimmt, determiniert. Fort nannte dies die Super-Embryologie.
Über seine Extra-Geographie schrieb er: "Es scheint, dass die Extra-Geographie in das Extra-Soziologische und das Extra-Physikalische zerfällt; und für die zweite Art von Phänomenen nehmen wir an, dass die Daten sich auf physikalische Beziehungen zwischen der Erde und anderen Welten beziehen." [6]
Fort behandelte auch Themen, oder schnitt sie zumindest an, die in der aktuellen Paläo-SETI-Forschung eine große Rolle spielen, wie bisher der Psyche zugerechnete Phänomene oder die Erscheinung von Dämonen: "Eines Tages werde ich die Daten veröffentlichen, die mich auf den Verdacht gebracht haben, dass viele Erscheinungen auf der Erde, die früher von Theologen und Dämonologen interpretiert wurden und die heute eher dem Studiengebiet der medialen Forschung zugerechnet werden, Wesen und Objekte waren, die diese Erde besucht haben und die nicht von einer spirituellen Ebene, sondern aus dem Weltraum gekommen sind." [7]
Charles Fort war mit seinen Ansichten und Gedanken seiner Zeit weit voraus [8], aber wie dachte er eigentlich über seine eigenen Erörterungen und Interpretationen der gesammelten Daten?
"Ich weiß nicht, ob meine eigene Einstellung diesen Daten gegenüber verstanden wird, und ich weiß nicht einmal, ob das überhaupt eine Rolle spielt; von Zeit zu Zeit verändert sich meine Einstellung ohnehin: aber im großen und ganzen habe ich das Gefühl, dass aus unseren mageren Berichten nicht viel geschlossen werden sollte oder dürfte, dass über solche Ereignisse aber so häufig berichtet wird, dass es mehrmals im Jahr Ereignisse geben muss, die man nur allzu gern von jemand untersuchen lassen möchte, der glaubt, dass wir nichts als Unfug geschrieben haben, und dazu von jemand anders, der mit beinahe religiöser Inbrunst an unsere Daten glaubt." [9]
Während Fort mit der traditionellen Wissenschaft hart ins Gericht ging, hielt er seine eigenen Erklärungsversuche keineswegs für endgültig oder absolut:
"Was unsere Interpretationen angeht, so halte ich sie freilich auch selbst eher für Vorschläge, für ein unsicheres Tasten und vor allem für Denkanstöße." [10]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zeit, ganz im Sinne von Forts Super-Embryologie, noch nicht reif für den Gedanken an den Paläo-Besuch außerirdischer Wesen. Dies hat wohl auch Fort selbst eingesehen:
"Es wäre ein Verbrechen an der Welt, wollte man der ganzen Welt gar zu schnell die Idee nahebringen, dass es andere Existenzen in der Nähe gibt, dass sie gesehen wurden und dass Geräusche von ihnen gehört wurden: Die Völker dieser Erde müssen sich organisieren, bevor sie sich eine Außenpolitik vorstellen und sie aufbauen können. Eine voreilig etablierte Wissenschaft von solchen Themen, das wäre, als würden die Vereinigten Staaten an einem Krieg zwischen Frankreich und Preußen teilnehmen, obwohl solche Politik noch in ferner Zukunft der Nation liegt, die sich vorerst auf ihre eigene, innere Entwicklung zu konzentrieren hat." [11]
Von den Gedanken Forts beeinflusst wurden auch die französischen Schriftsteller Louis Pauwels (1920 - 1997) und Jacques Bergier (1912 - 1978).
Ihr erstes gemeinsames Werk Aufbruch ins dritte Jahrtausend erschien 1960 in Paris (dt. 1962).
"In einem gewissen Maße inspiriert der Geist Charles Forts auch uns bei unserer Arbeit. Wir glauben nicht alles. Aber wir glauben, dass alles nachgeprüft werden muss. Zuweilen ist es gerade die Überprüfung zweifelhafter Fakten, die den wahren Tatsachen zu ihrer stärksten Wirkung verhilft. Durch eine Praxis der Auslassungen kann man nicht zum Verständnis des Ganzen gelangen. Darum bemühen wir uns, so wie Fort es tat, eine gewisse Anzahl solcher ausgesparter oder vernachlässigter Tatsachen zu untersuchen, und wir nehmen gern die Gefahr auf uns, als Verrückte verschrien zu werden. Es wird die Aufgabe anderer sein, die richtigen Fährten in unserem Urwald aufzuspüren.
Fort untersuchte alles, was vom Himmel gefallen war. Wir gehen allen wahrscheinlichen, aber auch den zweifelhaften Spuren nach, die untergegangene Kulturen auf der Erde hinterlassen haben. Und wir schließen dabei keine Hypothese aus: die Möglichkeit einer Atomwissenschaft lange vor der Zeit, die man als Vorgeschichte bezeichnet, Weisungen, die uns von außerhalb der Erde lebenden Geschöpfen übermittelt wurden, und vieles andere." [12]
Mit dem von ihnen entwickelten "Phantastischen Realismus" beabsichtigten Pauwels und Bergier unser Weltbild zu erweitern, ihre Begeisterung für die Formenvielfalt dieser Welt und den Glauben an ihre Bestimmung auszudrücken. Dies seien auch die drei Faktoren, die die Renaissance bewirkt haben. [13]
Die Frage, was denn das "Phantastische" sei, beantworteten die beiden folgendermaßen:
"Für die meisten >Gebildeten< ist das Phantastische eine Verletzung der Naturgesetze, das Sichtbarwerden des Unmöglichen. Wie das Ungewöhnliche und das Bizarre ist es ein Aspekt des Pittoresken. Wir glauben jedoch, dass die Beschäftigung mit dem Pittoresken ein müßiges Unterfangen ist, eine bourgeoise Beschäftigung. Für uns ist das Phantastische keineswegs ein Ergebnis einer Verletzung, sondern vielmehr eine Manifestation der Naturgesetzte, das Ergebnis eines Kontaktes mit der Realität, wenn diese unmittelbar erfasst wird, ohne durch den Filter unserer alten oder modernen Vorurteile verfälscht zu werden." [14]
Pauwels und Bergier verglichen unsere Epoche mit der Renaissance und forderten Toleranz und ein Ende der (geistig-wissenschaftlichen) Inquisition. Sie weigerten sich, Tatsachen auszuschließen und Hypothesen von vornherein zu verwerfen. Ihr Hauptwerk Aufbruch ins dritte Jahrtausend basiert auf zahlreichen Erkenntnissen aus für gewöhnlich voneinander getrennten Wissensbereichen und weist, philosophisch und literarisch untermauert, von der fernsten Vergangenheit in eine Zukunft mit nahezu unbegrenzten geistigen und technischen Fähigkeiten des Menschen - ein Kulturoptimismus, der die spätere Paläo-SETI-Forschung bis in neueste Zeit hinein prägen sollte.
"Unsere Methode besteht eben darin, dass wir unsere Untersuchung auf mehreren Ebenen führen (auf der Ebene des magischen Geistes, auf der Ebene des reinen Intellekts und auf der Ebene der dichterischen Intuition), dass wir zwischen diesen Ebenen Verbindungen herstellen, die jeweils sich anbietenden Erkenntnisse durch Vergleiche nachprüfen und schließlich eine Hypothese entwickeln, in der diese bestätigten Erkenntnisse enthalten sind." [15]
Pauwels und Bergier wollten Tatsachen aufzeigen und Hypothesen vorbringen, ohne aber eine Philosophie zu lehren, irgendeinen Kult zu begründen oder eine neue Schule. Entgegen dieser Einstellung bringt eine Erweiterung unseres Weltbildes und eine Änderung unserer Denkmuster auch eine neue Philosophie mit sich, die diese neuen Denkformen systematisch erfassen und darstellen wird.
Die Arbeiten von Pauwels und Bergier waren auf die Zukunft ausgerichtet. Sie wollten andere dazu anregen, selbst gründlicher nachzuforschen. Für neue Generationen, die sich für die Zukunft und die Vergangenheit gleichermaßen interessieren und mit der gleichen Wissbegier in beide Richtungen forschen, haben die beiden ihr erstes Buch geschrieben.
"Es war nur unsere Absicht, die größtmögliche Anzahl nicht vernunftwidriger Hypothesen vorzulegen. Viele von ihnen mögen widerlegt und verworfen werden. Wenn jedoch einige davon bisher verborgene Türen zu neuen Forschungen aufgestoßen haben sollten, so haben wir uns nicht sinnlos der Gefahr ausgesetzt, uns lächerlich zu machen." [16]
Louis Pauwels und Jacques Bergier wünschten sich, eines Tages eine Art Institut zu gründen, in dem ein umfangreiches Arbeitsteam die in ihrem ersten Buch nur flüchtig angeschnittenen Fragen näher untersuchen sollte. [17]
Überrascht erklärten die beiden Forscher 1968, acht Jahre nach dem Erscheinen von Aufbruch ins dritte Jahrtausend: "Wir erstrebten mit unserer Arbeit eine Tiefenwirkung, indem wir einige Menschen aufrütteln wollten, dachten aber niemals an eine Breitenwirkung, da wir uns einfach nicht vorstellen konnten, dass so viele Menschen darauf ansprechen würden." [18]
Louis Pauwels und Jacques Bergier haben durch ihre Ansätze auf dem prä-astronautischen Gebiet, ihren Kulturoptimismus und die ihrem ersten Buch innewohnende Aufbruchstimmung, die weitere Entwicklung des bald eigenständigen Forschungsgebietes der Prä-Astronautik beeinflusst.
Anmerkungen:
[1] Eine Wissenschaftstheorie, die der später von Karl R. Popper entworfenen nicht ganz unähnlich zu sein scheint.
[2] Fort, Buch der Verdammten, S. 156
[3] Fort, Buch der Verdammten, S. 277
[4] Fort, Buch der Verdammten, S. 207
[5] Fort, Neuland, S. 108
[6] Fort, Neuland, S. 229
[7] Fort, Neuland, S. 150
[8] vgl. Langbein/Sachmann, Charles Hoy Fort
[9] Fort, Neuland, S. 236
[10] Fort, Neuland, S. 5
[11] Fort, Neuland, S. 156-157
[12] Pauwels/Bergier, Aufbruch, S. 193
[13] Pauwels/Bergier, Aufbruch, S. 225 und S. 405
[14] Pauwels/Bergier, Der Planet, S. 16
[15] Pauwels/Bergier, Der Planet, S. 14
[16] Pauwels/Bergier, Aufbruch, S. 504
[17] Pauwels/Bergier, Aufbruch, S. 31
[18] Pauwels/Bergier, Aufbruch, S. 34
[19] Pauwels/Bergier, Der Planet, S. 9
Literatur:
Fort, Charles
Das Buch der Verdammten, Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1995
Fort, Charles
Neuland, Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1996
Langbein, Walter-Jörg und Hans-Werner Sachmann
"Charles Hoy Fort - Der Chronist des Unerklärlichen", Ancient Skies 18;6 (November/Dezember 1994): S. 9-12
Pauwels, Louis und Jacques Bergier
Aufbruch ins dritte Jahrtausend: Von der Zukunft der phantastischen Vernunft, 4. Aufl., Bern; München: Scherz, 1969
Pauwels, Louis und Jacques Bergier
Der Planet der unmöglichen Möglichkeiten, Bern; München: Scherz, 196
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