von Jochen Kirchhoff, Berlin, Deutschland
Essay anlässlich der 400. Wiederkehr der Verbrennung Giordano Brunos (17. Febr. 1600)
"Mir gefällt es nicht, die Wahrheit, die ich sehe, zu verhehlen, und ich habe Angst, sie offen zu bekennen; und da ich überall und fortdauernd an den Kriegen zwischen Finsternis und Licht, der Wissenschaft und der Ignoranz teilgenommen habe, so wie ich überdies Gegenstand des Hasses, des Geschreis und der Insulte war, habe ich sowohl den Zorn der rohen und dummen Menge als auch der graduierten Akademiker, der Väter der Ignoranz, erfahren. Aber ich habe gesiegt, unterstützt von der Wahrheit und geleitet von einem göttlichen und höheren Licht."
Aus der Widmung zu der Schrift "160 Thesen gegen die Mathematiker und Physiker unserer Zeit" von 1588 [1]
Zeitgenosse Bruno?
Oft sind die Toten lebendiger als die Lebenden, und die Nach-Tod-Wirkung eines Menschen kann seine Wirkung zu Lebzeiten um ein Vielfaches übertreffen. An Beispielen dafür ist kein Mangel. Giordano Bruno, so schreibt sein Biograph Anacleto Verrecchia, "war sozusagen posthum geboren – er kam vor der Zeit auf die Welt und wurde erst viel später, nach seinem Tod, wirklich wahrgenommen." [2]
Zur Jahrtausendwende ist offenbar die große, feurige Seele Giordano Bruno lebendiger und mächtiger denn je. Seit dem spektakulären Justizmord an Bruno am 17. Februar 1600 sind vier Jahrhunderte vergangen, - vier Jahrhunderte, seit einer der größten Denker der Menschheitsgeschichte in den Flammen des Scheiterhaufens umkam, den ihm die römische Inquisition bereitet hatte, um ihn – den "Fürsten der Ketzer" – vom Antlitz der Erde zu tilgen: den Menschen und das Werk. Die Feindschaft der katholischen Kirche diesem Philosophen gegenüber ist nie aufgehoben oder auch nur abgemildert worden. Sie steht gleichsam da wie am ersten Tag. Wer wäre hier zu "rehabilitieren", die Mörder oder der Ermordete?
Giordano Bruno wird immer mehr zu unserem Zeitgenossen, und in dem großen Ideenkrieg um das Wesen des Menschen, der heute global ausgetragen wird, stellt er eine wichtige Stimme dar. Wenige haben wie er nachgedacht über Wesen und Struktur des Universums und über das wohl rätselhafteste aller Verhältnisse, in denen der Mensch steht: das Verhältnis zum Kosmos. Dieses Verhältnis, um es eher milde zu formulieren, ist ein zutiefst neurotisches. Wie auch anders? Wie kann sich der lebendige Mensch ernsthaft in Beziehung setzen zu einem substanziell toten Universum, einem Universum, das ihn nicht meint, nicht will, ja gar nicht kennt. Und nur ein derartiges Universum kann den Menschen irgend etwas angehen. Ein totes Universum, das ihm als Ergebnis eines bewußtseinsblinden kosmischen Würfelspiels hervorgebracht hat, ist kein menschliches oder menschenwürdiges Etwas; es ist ein bloßes Es, ein Ding, ein Objekt. Das ist von niemanden ernsthaft, d. h. in der Tiefe, zu verkraften. In einem Universum, das ihn nicht meint, verdorrt der Mensch. Was bleibt ihm da anderes als die Rolle des Empörers? Und Astrologie, Ufologie, Science-fiction sowie das anthropische Prinzip gehören zu den (bis dato wenig erfolgreichen) Bemühungen, die eigene Mensch-Kosmos-Neurose zu heilen, der menschlichen Existenz noch einen letzten Rest an Würde zu bewahren. Das astronomische "Interesse" an den Himmelskörpern und ihrer Bewegung ist in der Regel kein spirituelles und dialogisches, was nur der Fall wäre, wenn diese Himmelskörper, wie Giordano Bruno glaubte, große Organismen mit kosmischen Bewusstsein sind. (James Lovelocks berühmte Gaia-Theorie, die im Kern biologisch ist, wirkt fast provinziell gegen die Brunosche Vision.)
Verbannt in den äußeren Raum
Der "veräußerlichte Raum", so Peter Sloterdijk, sei "die Urgegebenheit der neuzeitlichen Naturwissenschaften"[3]. Es lässt sich nicht ernsthaft entkräften. Es beschreibt einen kollektiven Bewusstseinsprozess, der in unseren Tagen kulminiert. Alle sphärischen Schichten entgültig abgeräumt, der Weltraum von eisiger Kälte, die uns unentwegt und zutiefst lebensfeindlich anhaucht, darinnen monströse Gaskugeln von unvorstellbarer Hitze, das Ganze in jagender Ausdehnung begriffen, herausgeborsten aus dem Nirgendwo, um irgendwann vom Nirgendwo im Big Crunch verschluckt zu werden: welch eine Perspektive!" Welch Schauspiel, aber, ach, ein Schauspiel nur!" stöhnt der Goethesche Faust beim Anblick der himmlischen Sphären. Vielleicht, so argwöhnen viele, ist ja das betäubende Schauspiel der Mainstream-Kosmologie nur eine gigantische Illusionsblase, eine kollektive Projektion, hinter der sich das eigentliche und wahre Universum verbirgt, und zwar das Universum als Kosmos, der uns wirklich meint, der uns etwas angeht und den wir etwas angehen ...
Was immer der Mensch ist, er ist auch ein Innenweltwesen, ein Innenraumwesen. Das pure Außen zermalmt ihn, und ein Universum als ein übergroßes Es, ein übergroßes Nur-Außen, als sinnleere Erstreckung ins Immer-Weiter macht ihn, noch einmal Sloterdijk, zum "Idioten des Kosmos.[4]" was wunder, dass sich der philosophische Geist längst aus dieser Himmelswüste zurückgezogen und das Universum aus dem Denken verbannt hat (spätestens seit Nietzsche). Das ist bedauerlich, denn gerade hier gelte es anzusetzen, wenn denn Philosophie überhaupt noch einen Sinn haben soll. Zugespitzt gesagt: Man muss den sogenannten Kosmologen (die häufig Kosmo-Theologen sind) ihr Monopol streitig machen, ihnen das Thema aus der Hand nehmen. Und genau hier sind wir im Zentrum der Philosophie und Kosmologie Giordano Brunos. Wird dieses Zentrum nicht verstanden, bleibt alles Reden über diesen großen Denker nur historisch oder literarisch. Bruno ist wirklich unser Zeitgenosse. Ihn zu würdigen, heißt, ihn ernstzunehmen. Keiner hat wie er, der sich selbst als "Akademiker keiner Akademie", als "Peitsche des Aristoteles" bezeichnete, die Selbstgefälligkeit, Dummheit und Ignoranz seiner Zeitgenossen gegeißelt. Und nichts spricht dafür, dass das, was er als die "triumphierende Bestie" bezeichnete, heute in geringerem Grade den Planeten beherrscht als vor vierhundert Jahren oder dass Bruno heute weniger Ketzer wäre als damals [5].
Kein Märtyrer der modernen Wissenschaft
Zu den gröbsten Missverständnissen über Giordano Bruno gehört es, ihn als Märtyrer der neuzeitlichen Naturwissenschaften zu bezeichnen, so als sei all das, was er in visionären Entwürfen über das Weltall wie eine Brandfackel in seine Zeit warf, heute anerkannte und gesicherte Wahrheit. Genau dies ist nicht der Fall. Ein Bruno heute würde nicht auf dem Scheiterhaufen landen, aber die "triumphierende Bestie" (wie Bruno die herrschende Bewusstseinsform nannte) würde ihn sofort als Gegner erkennen und geharnischt bekämpfen. Warum?
Die "kopernikanische Kränkung" hat es nie gegeben. Fast alle haben die These S. Freuds übernommen, obwohl die Geschichte des menschlichen Selbstbewusstseins seit der Renaissance eine einzige große Widerlegung dieser These ist. (Man kann mit guten Gründen bezweifeln, ob es die beiden anderen Kränkungen, die Freud behauptet, so jemals gegeben hat: die darwinistische und die psychoanalytische.)
Der US-Physiker Eric Lerner (in seinem Buch "The Big Bang Never Happenend" dt.: "Der Urknall hat nie stattgefunden") und der Autor dieses Essays (in mehreren seiner Bücher) haben gezeigt, dass im 20. Jahrhundert alle Argumente Giordano Brunos gegen die scholastische Vorstellung einer endlichen Welt sukzessive demontiert worden sind und man schließlich wieder, wenn auch modifiziert und bezogen auf ein größeres Universum, bei Aristoteles und den Scholastikern gelandet ist. [8]
Das antike und mittelalterliche Hohlkugel-Universum (ohne einen Raum "außerhalb", in dem sich diese Kugel befände, das würde den Raum entgrenzen) ist heute im Urknall-Universum zurückgekehrt. Eine "Ausdehnung des Raumes" ist von Bruno aus ein Unding: Wohin sollte sich der Raum ausdehnen, wenn nicht – in einen anderen Raum (den man als Hyperraum bezeichnen kann, der aber immer noch Raum wäre)? ...
Das Flammenfanal auf dem
Campo dei Fiori.
Wie der Philosoph des Unendlichen ermordet wurde
In den "Avvisi di Roma" konnte man am 12. Februar 1600 lesen: "Heute glaubten wir eine feierliche Hinrichtung zu sehen, und man weiß nicht, warum sie verschoben ist. Es handelt sich um einen Dominikaner aus Nola, einen sehr hartnäckigen Ketzer, der vergangenen Mittwoch im Palaste des Kardinals Madruzzi abgeurteilt wurde als Vertreter verschiedener ungeheuerlicher Ansichten, bei denen er mit Hartnäckigkeit verblieb – und gleichwohl hört man, dass jetzt noch täglich Theologen sich um seine Bekehrung bemühen! (...) und in Summa, wenn ihm der Herrgott nicht hilft, will er als verstockter Ketzer sterben und lebendig verbrannt werden." [9]
Als dem "hartnäckigen Ketzer" und Ex-Dominikanermönch Giordano Bruno das Todesurteil verkündet wurde, am 8 Februar 1600 (formal wurde er "den weltlichen Mächten überliefert", also dem Gouverneur von Rom, der faktisch ein Büttel des Papstes war), schleuderte der von langer Kerkerhaft und mehreren Folterungen Gezeichnete den vor ihm prunkvoll aufgebauten Würdenträgern einen Satz entgegen, der die Szene schlagartig in ein gleißendes kosmisches Licht taucht und sie unverlierbar eingräbt in die Annalen des menschlichen Geistes: "Ihr verhängt das Urteil vielleicht mit größerer Furcht, als ich es annehme!" Dazu Anacleto Verrecchia in seiner großartigen Bruno-Biographie: "Das sind furchterregende und denkwürdige Worte, die das Fundament der Peterskirche erschüttern, die man am Felsen der Geschichte festmachen möchte, und die allein schon genügen, die Größe des moralischen Charakters Giordano Brunos verständlich zu machen." [10]
Warum wurde die Ermordung des Philosophen verschoben, der doch offenbar viele als einem feierlichen Großereignis mit Vorfreude entgegensahen? Papst Clemens VIII. hatte das Jahr 1600 zum Jubeljahr erklärt, was zur Folge hatte, dass Rom das ganze Jahr hindurch von frommen Christen überflutet wurde (es sollen zwischen einer Million und drei Millionen Besucher gewesen sein). Die öffentliche Verbrennung eines in ganz Europa bekannten Philosophen wurde als würdiger Höhepunkt des Jubeljahres betrachtet. Die Kirche wollte zugleich ein Zeichen setzen, und dieses Zeichen ist durchaus verstanden worden (nicht nur von Galilei, an den man hier zunächst denken mag).
Was am 17. Februar 1600 geschah, lässt sich, vom äußeren Ablauf her, rekonstruieren. Was innen geschah, d. h. im Bewusstsein des Delinquenten, wissen wir nicht, können es aber, eine gründliche Lektüre seiner wichtigsten Bücher vorausgesetzt und in Kenntnis der zitierten Worte anlässlich der Urteilsverkündung, erschließen. Das "Innenleben" der Mörder und der frommen Schaulustigen können wir getrost auf sich beruhen lassen. Es hat sich selbst durch die Geschichte gerichtet. – In einem Bericht der "Bruderschaft von St. Johannes dem Enthaupteten" heißt es: "Um zwei Uhr Nachts wurde die Bruderschaft benachrichtigt, dass am nächsten Morgen die Hinrichtung eines Unbußfertigen stattfinden werde. Um sechs Uhr morgens versammelten sich die Trostspender und der Kaplan in Sant Orsola und gingen zum Gefängnis in der Tor die Nona. Dort betraten sie die Kapelle und sprachen die üblichen Gebete für den zum Tode verurteilten Giordano Bruno (Sohn des verstorbenen Giovanni Bruno), ein abtrünniger Bruder aus Nola (im Königreich), ein verstockter Ketzer. Er wurde von unseren Brüdern in Liebe ermahnt. Auch riefen wir zwei Padres der Dominikaner, zwei von den Jesuiten, zwei von der neuen Kirche des heiligen Hieronymus. Sie zeigten ihm mit großem Eifer und mit großer Gelehrsamkeit seinen Irrtum. Er jedoch beharrte bis zum Ende in seiner verdammten Widerspenstigkeit und verdrehte sich das Gehirn und den Verstand mit tausend Irrtümern; ja, er ließ nicht nach in seiner Halsstarrigkeit, nicht einmal, als ihn die Gerichtsdiener zum Campo dei Fiori abführten. Dort wurde er entkleidet, an einen Pfahl gebunden und lebendig verbrannt. In all dieser Zeit wurde er von unserer Bruderschaft begleitet, die ständig ihre Litaneien sang, während die confortatori bis zum letzten Augenblick versuchten, seinen hartnäckigen Widerstand zu brechen, bis er schließlich sein elendes und unglückseliges Leben aufgab." [11]
Haben wir Phantasie genug, uns das vorzustellen? Kaum. Dazu bedürfte es eines anderen Bewusstseins. Hinzu kommt, dass die meisten die verbreitete Legende teilten, die Mainstream-Wissenschaft sei heute dort, wohin sie Bruno, als einer ihrer Wegbereiter, gebracht habe. Dass dies nicht der Fall ist, wurde schon gesagt. Glühende Gaskugeln in eisiger Leere, die Erde als Oase des Lebendigen inmitten einer monströsen Himmelswüste, die uns nichts angeht und keine höhere Intelligenz atmet: das hält der Großteil der Zeitgenossen heute für wahr oder wirklich, für "wissenschaftlich bewiesen". Über anderslautende Behauptungen des Ketzer-Philosophen Bruno hat man längst das Urteil gefällt, d. h. sie als schwärmerische oder quasi-poetische Phantasmen zu den (historischen) Akten gelegt. Hier gilt Bruno als widerlegt, auch in der Frage der aktualen Unendlichkeit des Universums. Giordano Bruno – also doch von "tausend Irrtümern" erfüllt? Warten wir ab. Vielleicht gibt es in den Tiefen der Epoche Impulse, die Bruno auf eine bis dato unbekannte Weise "rehabilitieren". Der Feuergeist Bruno könnte nicht nur "sein" Jahrhundert, sondern auch das 20. Jahrhundert überflügelt haben. War er eine Art Zeitreisender aus einer noch unbekannten, unenthüllten Zukunft?
Warum wurde Bruno
hingerichtet?
Die Frage ist nicht letztgültig zu beantworten, da die Prozessakten verschollen sind. Eines ist sicher: Bruno ist nicht als "Kopernikaner" verurteilt worden; ob die Erde nun ruht oder sich um die Sonne dreht, war keine für den Ausgang des Prozesses relevante Frage. Das zentral Anstößige, das eigentliche Skandalon der Brunoschen Philosophie für die katholische Kirche waren zwei Komponenten:
Die Behauptung eines wirklich unendlichen, unendlich belebten Universums als Manifestation der Unendlichkeit des Göttlichen.
Die schroffe Frontstellung gegen das Christentum überhaupt, einschließlich der Person Jesus von Nazareth.
"Bruno starb nicht als Zweifler, nicht als einer jener Ketzer, deren dogmatische Abweichung dem historischen Betrachter allemal als innerchristliche Vorgänge erscheinen. Bruno starb für einen Widerspruch, der sich gegen das Zentrum und die Substanz des christlichen Systems richtete." (Hans Blumenberg [12])
Man kann Bruno auch bei bestem Bemühen nicht "rechristianisieren"; alle versuche in diese Richtung, die es in reichlichem Maße gegeben hat, sind vergeblich. Anacleto Verrecchia schreibt: "Manche seiner satirischen Attacken gegen das Christentum, z.B. im Spaccio (gemeint ist die Schrift "Spaccio delle bestia triofante", dt. "Die Vertreibung der triumphierenden Bestie", J.K.), sind noch vernichtender als jene von Voltaire. Sie sind aber auch radikaler als die Kritik Nietzsches, denn sie schonen nicht einmal die Figur Christi, der im Gewand des Orion der Satire ausgeliefert wird. Sie erinnern eher an die antichristliche Kritik eines Celsus oder des Kaisers Julian. Wenn man genau hinsieht, ist die ganze Philosophie Brunos radikal antichristlich." [13]
Die deutsche Ausgabe der "Vertreibung der triumphierenden Bestie" (verlegt bei Eugen Diederichs im Jahre 1904) gehört heute zu den Raritäten auf dem Büchermarkt. Dieses Buch, vorurteilsfrei gelesen, ist für jeden Christen ein Schock. Bruno scheint übrigens, in fremdartig anmutender Naivität und Unbekümmertheit, seine Fundamentalkritik am Christentum und an der Person JESuU auch im privaten Gespräch geäußert zu haben, dem venezianischen Patrizier Giovanni Mocenigo, der in seinem ersten Brief an die Inquisition (am 23. Mai 1592) a. a. schrieb: "Ich [...] denunziere Ihnen, hochwürdiger Vater, gezwungen von meinem Gewissen und auf Befehl meines Beichtvaters, dass ich den Giordano Bruno aus Nola bei verschiedenen Gelegenheiten, indem er sich mit mir in meinem Hause unterhielt, sagen hörte, es sei ein großer Blödsinn seitens der Katholiken, zu behaupten, das Brot verwandle sich in Fleisch; er sei ein Feind der Messe, ihm gefalle keine Religion; Christus sein ein Betrüger gewesen und habe, wenn er, um das Volk zu verführen, betrügerische Werke ausübte, leicht vorhersagen können, dass man ihn hängen werde; es gebe unzählige Welten, und Gott schaffe deren unaufhörlich unzählige, denn er behauptet, Gott wolle auch alles, was er kann; Christus habe nur scheinbare Wunder verrichtet und sei ein Magier gewesen [...] die Seelen, die von Natur geschaffen würden, wandern von einem Tier zum anderen und wie die niederen Tiere aus der Verwesung entstehen, so entstünden auch die Menschen, so oft sie nach den Fluten ins Leben zurückkehren. [...] Unser katholischer Glaube sei voll von Lästerungen gegen die Majestät Gottes, man müsse den Brüdern die Lehrtätigkeit und überhaupt das Einkommen wegnehmen, da sie die Welt beschmutzen und alle Esel seien, und unsere Ansichten seien die Ansichten von Eseln ..." [14]
So oder ähnlich hat dies Bruno tatsächlich gesagt, daran kann kein Zweifel bestehen, wenn man die Aussagen mit seinen Schriften vergleicht. Auch der (verwaschen wirkende) Hinweis Mocenigos auf Reinkarnation und Seelenwanderung ist korrekt; Bruno ging wie selbstverständlich von der Annahme der Wiedergeburt aus. Oft spricht Bruno, so Verrecchia, "wie ein ins Abendland verpflanzter Brahmane oder Buddhist."[15] Schon Schopenhauer hat darauf verwiesen; über Bruno und Spinoza schreibt er: "Ihre wahre Geistheimat waren die Ufer der heiligen Ganga: dort hätten sie ein ruhiges und geehrtes Leben geführt, unter ähnlich Gesinnten." [16]
Der Wanderer
Giordano Bruno (geb. 1548 in Nola bei Neapel, daher seine Selbstbezeichnung als Nolaner) war früh in den Dominikanerorden eingetreten und hatte diesen schließlich 1576, also mit 28 Jahren, in einer dramatischen Flucht verlassen, weil er befürchten musste, dass gegen ihn ein Verfahren wegen Ketzerei eingeleitet würde. Es folgte ein unruhiges Wanderleben durch halb Europa: Norditalien, Toulouse, Paris, Oxford, London, erneut Paris, Wittenberg, Prag, Helmstedt, Zürich, Frankfurt/M, schließlich Padua und Venedig, wo er in die Falle der Inquisition tappte; Inhaftierung und Befragung, dann, im Februar 1593, Auslieferung nach Rom, hier Kerkerhaft, mehrfache Folterung, schließlich Verurteilung und öffentliche Verbrennung am 17. Februar 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom.
Von den insgesamt wohl fünfzig Schriften Brunos, die er in rasender Geschwindigkeit und oft unter schwierigsten Lebensbedingungen abfasste, sind nur dreißig erhalten. Weitaus am bekanntesten sind die großen italienischen Dialoge, die er in London schrieb, vor allem "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen", "Vom Unendlichen, dem All und den Welten" und "Die Vertreibung der triumphierenden Bestie". Daneben gibt es (lateinisch geschriebene) Schriften zur Magie, zur Gedächtniskunst, zur Geometrie und Mathematik, zur Monadenlehre u. ä. Die bedeutendste naturphilosophische/kosmologische Schrift Brunos, das große Lehrgedicht "de immenso", erschienen 1591, ist bis heute unübersetzt geblieben. Es ist, wie der "Spaccio" ein atemberaubendes Werk, von einer poetischen Kraft und Tiefe der kosmologischen Grundlagenreflexion, die ihresgleichen sucht.
Bruno war eine durch und durch feurige, eine vulkanische Natur, ein beißender Kritiker und Spötter, der keine Gelegenheit ausließ, die Ignoranz und Dummheit seiner Zeitgenossen zu geißeln. In einem von religiösen Unruhen zerfetzten Europa, in der allgemeinen Hysterie der Gegenreform, wo schon Glaubensnuancen zu Verfolgung und Tod führen konnten, war diese Grundhaltung oft tollkühn, und es ist fast erstaunlich, dass Bruno so lange "durchgehalten" hat.
Nach allem, was wir wissen, war er ein glänzender und mitreißender Redner, dazu ein Gedächtnisphänomen ersten Ranges. In Debatten mit seinen Gegnern konnte er den philosophischen Übervater seiner Epoche, Aristoteles, seitenweise auswendig zitieren. Die Gedächtniskunst war ihm ein wichtiges Anliegen, und er schrieb und lehrte darüber. Schon als Mönch war er berühmt wegen seines herausragenden Gedächtnisses.
Wir wissen nicht, wie Bruno wirklich ausgesehen hat. Die Authentizität des bekannten Porträts, das meist gebracht wird (auch auf dem Cover meiner Monographie), ist nicht gesichert. Der Buchhändler Ciotto (auch einer der traurigen Denunzianten des Nolaners) erklärt der venetianischen Inquisition gegenüber am 26. Mai 1592: Ich kenne diesen Giordano Bruno aus Nola oder Neapel, und er ist ein kleiner magerer Mann, mit schwachem dunklem Bart, ungefähr 40 Jahre alt." [17] Dass Bruno von kleiner und eher schmächtiger oder magerer Gestalt war, wird auch von anderen berichtet. Ein Hüne, als der er auf dem Denkmal in Rom erscheinen mag, war er nicht.
Auch wie er konkret gelebt und gearbeitet hat in diesen anderthalb Jahrzehnten seines Wanderlebens, wissen wir nicht. Offenbar war er pausenlos beschäftigt, las, schrieb, dachte, meditierte (ja, auch das) und disputierte, wo es Ort und Gelegenheit ermöglichten. Was die Meditation betrifft, so hat der Nolaner eine ganz eigene Form entwickelt, die er "Kontraktion" nannte: die Seele zieht sich konzentrativ völlig aus der Sinnenwelt zurück in den Einheitspunkt der (kugelförmig gedachten) Monade; hier, im Zentrum, erfolgt dann die Ausgießung gleichsam des Bewusstseins in die Weiten des Alls. Brunos wiederholte Hinweis darauf, er sei in den Kosmos vorgestoßen, hätte also die Begrenztheit der Erde verlassen, dürfen wir getrost "buchstäblich" nehmen. Nach allem, was wir heute, u.a. durch die transpersonale Bewusstseinsforschung, über derartige grenzüberschreitende Erfahrungen, Erfahrungen eines kosmischen Bewusstseins, wissen, kann als solcher gelten, dass Bruno dieses kosmische Bewusstsein tatsächlich erlebt und erfahren hat. In seiner Schrift "Die heroischen Leidenschaften" beschreibt er ein derartiges Schlüsselerlebnis (im Alter von 30 Jahren), eine Art "Erleuchtung", wenn man es so nennen will und darf. Und warum nicht?
Können wir den Nolaner als eine Art "Buddha des Westens" (oder des Abendlandes) bezeichnen? Oder ist das abwegig? Ein Buddha immerhin. Dass müsste ergänzt werden, dem es nicht vergönnt war, sein Werk zu vollenden. Was Bruno hinterließ, war ein Torso; manche seiner Schriften zeigen die erzwungene Hast der Entstehung, und in den Kerkerhöhlen der Inquisition in Venedig und in Rom konnte er nicht schreiben. Nur einmal, kurz vor seiner Hinrichtung, erhielt er Gelegenheit, etwas aufzuschreiben. Am 20. Januar 1600 wird diese Schrift, eine Art Denkschrift, geöffnet, aber nicht gelesen. Der Text muss als verschollen gelten, wenn er nicht noch irgendwo in den Archiven des Vatikans auftaucht.
Der Kosmologe
Überragende Bedeutung hat Bruno als Kosmologe und Naturphilosoph. Man sollte sich vielleicht ins Gedächtnis rufen, dass das Hauptwerk des Kopernikus, mit dem eher aussageschwachen Titel "De revolutionibus orbium coelestium" (Dt. "Über die Umwälzung der himmlischen Kreise"), zwar langfristig eine Lawine lostrat und eine Revolution auslöste, aber für sich genommen ein eher reformatorisches Buch darstellte. Fast alle Elemente der allseits anerkannten Kosmologie blieben erhalten: die Fixsternsphäre als äußerste Grenze eines als gigantische Hohlkugel vorgestellten Universums (ohne Außenfläche!) genauso wie das verzwickte, aber auf seine Weise geniale Epizykelsystem, mittels dessen man in der Lage war, Gestirnspositionen in verblüffender Genauigkeit zu berechnen und vorherzusagen. Ein aufschlussreiches Indiz übrigens für die Möglichkeit, trotz physikalisch unsinniger Prämissen, mathematisch präzise Voraussagen zu machen. Zwar ist dies im Grundsätzlichen bekannt, wird aber häufig übersehen, zumal dann, wenn die mathematische Präzision ihre eigene Suggestivkraft entfaltet oder sich Physik nur noch (was falsch ist) als mathematische Physik darstellt. Bruno wusste das, vor der abstrakten Naturwissenschaft seit Galilei. "Ohne die herrliche Erkenntnis des Kopernikus", schreibt er einmal, sei "die Kunst des Rechnens, Messen, Zeichnens und Entwerfens nichts als ein Zeitvertreib für findige Narren". [18] Das lässt sich ausweiten ...
Die Reform des Kopernikus war weder genauer noch einfacher als das ptolemäische System; eine mythenhafte Verklärung der Gestalt des Kopernikus hat diesen Sachverhalt über lange Zeit hinweg verdeckt. [19] Auch glaubte der Domherr zu Frauenburg durchaus an die Vereinbarkeit dieser Reform mit der christlich-katholischen Dogmatik. Nicht dass er die eigene Neuerung nun als gänzlich unbedenklich eingestuft hätte (die Widmungsvorrede an den Papst zeigt eine große Behutsamkeit in der Wortwahl), aber eine kosmologische Revolution, di auch die Fundamente der Kirche erschüttern könnte, hätte er nicht für möglich gehalten, ja diese schroff zurückgewiesen. Was er faktisch getan hat, theoretisch-konzeptionell, war dies: Er hat einen Platztausch vorgenommen zwischen Erde und Sonne. Fortan stand nicht mehr die ruhende Erde, sondern die ruhende Sonne im Zentrum des Universums; der Geozentrismus wurde von einem Heliozentrismus abgelöst, der nicht nur mathematisch begründet wurde (Kopernikus verstand sich primär als Mathematiker), sondern auch mittels einer neuplatonisch beeinflussten Licht- und Sonnenmetaphysik, der wir dann bei Kepler in gesteigerter Form wiederbegegnen.
Die physikalischen oder naturphilosophischen Konsequenzen einer bewegten Erde hat Kopernikus nicht durchdacht; sie scheinen ihn gar nicht interessiert zu haben. Doch genau hier setzt die Kritik, auch der Spott der Gegner der kopernikanischen Reform an, was die – zunächst wenigen – Kopernikaner zwang, die bewegte Erde nun auch physikalisch, mit den Mitteln einer gänzlich neuen und anderen Physik, plausibel zu machen. Die neuzeitliche Physik nimmt hier ihren Ausgang.
Die kopernikanische Herausforderung (die bei Kopernikus selbst nur implizit auftritt) umfasst, formelhaft verkürzt, folgende Punkte:
Um diese Fragen ist über Jahrhunderte hinweg gerungen worden. Frage sieben wird zumeist der "Glaubensfakultät" zugewiesen, was nicht immer so war: Noch in der großen Kontroverse des Newton-Schülers Samuel Clarke mit Leibniz von 1715/16 wurde leidenschaftlich und mit wissenschaftlichen Argumenten um die Frage nach Gott gestritten (die nicht als eine primär theologische galt). Ob die Frage sechs naturwissenschaftlich klärbar ist, hängt nicht zuletzt davon ab, was hier "Kosmos" meint. Ist nur das materielle Universum gemeint (in einem weitgefassten Sinne: also einschließlich aller feldmäßigen und naturgesetzlichen Faktoren), dann wären die Naturwissenschaftler "zuständig". Dann müsste allerdings auch der Begriff "Mensch" reduktiv verwendet werden; außerdem müsste vorausgesetzt werden, dass der menschliche Forschergeist "das Ganze", wenigstens im Prinzip, durchschauen kann. (Dafür spricht wenig.)
Die Philosophie Giordano Brunos, was ihre kosmologische Dimension anlangt, gibt auf alle sieben Fragen substantielle Antworten. Sich diese Antworten umrisshaft zu vergegenwärtigen und sie mit den in der Mainstream-Naturwissenschaft gegebenen zu konfrontieren, führt zu erhellenden Einsichten, die auch Brunos dramatische Aktualität verdeutlicht. Diese habe ich in meinem Buch "Räume, Dimensionen, Weltmodelle. Impulse für eine andere Naturwissenschaft" eingehend dargestellt und zugleich nachzuweisen versucht, dass und wie sich aus den kosmologischen Prämissen Brunos, wenn man diese ernst nimmt und konsequent weiterdenkt, ein ganz neuartiges Gesamtverständnis des Kosmos und des Mensch-Kosmos-Verhältnisses entwickeln lässt. [20]
Die Mainstream-Physik kennt keine wirklich kausale Bewegungslehre. Sie postuliert die gradlinig-gleichförmige Trägheitsbewegung (als platonische Urform gleichsam) als eine kräftefreie, ursachlose Perpetualbewegung. Dass das eine Fiktion ist, weiß jeder Physiker, dennoch ist diese Fiktion innerhalb der "Newtonschen Himmelsmechanik" (einschließlich ihrer späteren Modifizierungen) unentbehrlich. Die Gestirngravitation krümmt die idealiter gradlinige Bewegung; die Himmelskörper fallen sozusagen umeinander herum. Das Ganze ist ein rein mechanischer, der keine höheren Wirkkräfte erfordert. Usw. Wir merken nicht von der Erdbewegung, weil im Rahmen der klassischen Mechanik Ruhe und gradlinig-gleichförmige Bewegung ununterscheidbar sind; nur Beschleunigungen sind spürbar. Die Gravitation kann nicht erklärt werden; noch Newton litt darunter. Sie gilt als (ursachelose) Materieeigenschaft, seit Einstein dann als Wirkung der sogenannten Raumzeit-Metrik.
Für Giordano Bruno sind Gestirne kosmische Großorganismen, deren Bewegung sich einer exakten Mathematisierung entzieht. (Ralph Abraham, einer der Gründungsväter der "Chaostheorie", betrachtet Bruno als deren Vorläufer!)
Unsere Sinnenwelt ist nach Bruno eine Scheinwelt; sie täuscht uns ständig und führt uns in die Irre. Wir verwechseln die Ursache mit der Wirkung. Extrapolationen von der Gestirnoberfläche ins All, im Sinne der These von der physischen Homogenität das Alls (als deren Mitbegründer Bruno gilt!) sind direkt und pur nicht zu vollziehen. Alle Versuche in dieser Richtung werden von Bruno als naiv-realistische kritisiert, die die in der Tiefe gegebene Relativierung des irdischen Standortes nicht überschreiten. Diese Relativierung ist nach Bruno durch Beobachtung, Messung und Mathematisierung nicht aufzuheben, nur durch eine Art von kosmischer Schau, die einer hohen Bewusststeinsstufe angehört. Es ist naheliegend, dass Bruno meist unverstandene Gedanken dieser Art ihm den Vorwurf eingetragen haben, er sei in der Grundstruktur seines Denkens Magier, Quasi-Poet oder Schwärmer, - einen "Minnesänger der Unendlichkeit" nennt ihn Ernst Bloch.
Die Schärfe der Brunoschen Denkform gerät bei Wertung dieser Art, wie sie sich in vielen Darstellungen über Bruno finden, leicht aus dem Blickfeld:
Wenn etwas, dann beweisen diese Erkenntnisse, dass es möglich ist, mittels Denken, Intuition und "kosmischer Schau", zu Einsichten in die Struktur des Universums zu gelangen, und zwar jenseits von Mathematik und messender Beobachtung im üblichen Verständnis.
Giordano Brunos Auseinandersetzung mit der Frage der Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt, in der Schrift "Vom Unendlichen", gehört fraglos zum Tiefsten und auch intellektuell Scharfsinnigsten, dass die Geistesgeschichte kennt. Kein einziges der von Bruno für die Unendlichkeit des Universums ins Feld geführte Argument ist jemals substantiell entkräftet oder auch nur wirklich relativiert worden. Wenn er nur das geschrieben hätte, wäre er einer der größten Denker, dem unsere Achtung, ja Bewunderung gebührt...
Die New Science der letzten Jahre hat die Kosmologie Brunos in ein neues Licht gerückt und überraschend aktualisiert, und zwar sowohl seine Gravitationstheorie als auch seine Äthertheorie sowie seine Überlegungen zum organischen Aufbau der Himmelskörper und zur Existenz intelligenten Lebens im Universum. Brunos Schlüsselbegriff der Weltseele oder Allseele erfährt eine umfassende Wiederbelebung und Rehabilitierung. Offenbar ist das All lebendiger, als wir lange geglaubt haben.
In der Schrift "Das Aschermittwochmahl" äußert sich Bruno zu Kopernikus und zu der von ihm vollzogenen Radikalisierung des Kopernikanismus: "Er (Kopernikus) hat sich nämlich von einigen falschen Voraussetzungen der gemeinen Philosophie, um nicht zu sagen Blindheit, freigemacht. Doch mehr auf die Mathematik als die Natur bedacht, hat er sich nicht genügend von den falschen Voraussetzungen gelöst und konnte nicht so in die Tiefe dringen, um die abwegigen und leeren Prinzipien mit der Wurzel auszurotten. (...) Der Nolaner (also Bruno selbst, J.K.) hat (...) den menschlichen Geist und die Erkenntnis befreit, die in dem Kerker der irdischen Lufthülle eingeschlossen waren und aus dem sie nur wie durch schmale Schlitze die entferntesten Sterne erblicken konnten. Dem Geist waren die Flügel gestutzt, damit er sich nicht aufschwingen und den Wolkenschleier zerreißen könne, um das zu schauen, was sich dahinter in Wahrheit befindet, und sich dem Schlamm und den Erdhöhlen entkommen, vom Himmel herabgestiegenen Merkuren und Apollen gleich, durch vielfältige Täuschung die Welt mit unendlichen Torheiten, Rohheiten und Lastern erfüllt haben, als seien es lauter Tugenden und göttliche Lehren. Sie haben damit jenes Licht ausgelöscht, dass die Geister unserer antiken Vorfahren göttlich und heroisch machte, und sie haben die finsteren Neben der Sophisten und Esel gutgeheißen und verstärkt. (...) Da kam der Nolaner und hat die Lufthülle hinter sich gelassen, ist in den Himmel eingedrungen, hat die Sterne durchmessen, die Grenzen der Welt überschritten und die erdichteten Mauern der ersten, achten, neunten, zehnten und weiteren Sphären zerstört, die törichte Mathematiker und das blinde Sehen gemeiner Philosophen noch hätten hinzufügen können." [21]
Conclusio
Um auf den Anfang zurückzukommen, der diesen kleinen Versuch rundet: Vieles spricht dafür, dass Giordano Bruno heute lebendiger und wirkungsmächtiger ist als jemals zuvor in den Vergangenen vier Jahrhunderten seit seiner Ermordung durch die Inquisition. Vielleicht begreifen wir erst heute die eigentlichen Dimensionen der Brunoschen Kosmologie, die dramatischen und wahrhaft grundstürzenden Folgen dieses Denkens.
Eine Wirkgröße war Bruno immer, meist eine eher geheime, verborgene, totgeschwiegene und gelegentlich ausgedeutete. Die Liste der Forscher und Denker, die er direkt oder indirekt beeinflusst hat, ist lang: Galilei, Newton, Spinoza, Leibniz, Goethe, Schelling, Schopenhauer, Helmut Friedrich Krause, - um nur einige zu nennen.
Das Bruno nicht nur Denker, Kosmologe und Philosoph war, sondern auch ein Bewusstseinsforscher hohen Grades, blieb lange unerkannt. Wenige haben wie er die Tiefendimension des menschlichen Bewusstseins ausgelotet. Wenn es ein Vermächtnis gibt, das er uns hinterlassen hat, dann wohl dieses: Dass der Mensch ein kosmisches Wesen ist und dass wir gut daran tun, uns dessen zu erinnern, und zwar unbekümmert um den Jahrmarktslärm der sogenannten Öffentlichkeit und der allseits geheiligten kollektiven Überzeugung, so suggestiv und machtgestützt diese auch auftreten.
Anmerkungen/Quellen
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