Die Meinungen gehen auseinander:
Waren es wirklich eine Million Toter
von Dieter Vogl
Wie so viele historische Sachverhalte aus dem Mittelalter, den vorangegangenen und darauffolgenden Epochen, so ist auch die Zahl der Opfer, die bei den allerorts üblichen Hexen- und Ketzerprozessen durch Femegerichte ums Leben kamen, weitgehend im dunkeln. Dies liegt zum einen daran, dass die damit verbundenen Verfolgungen über einen Gesamtzeitraum von mehreren Jahrhunderten (3-1800) durchgeführt wurden und zum anderen, dass die Zeit der Hauptverfolgung nahezu drei Jahrhunderte andauerte. Zu keiner Zeit wurde, obwohl allerorts eine Vielzahl von Gerichtsakten die Wirren der Jahrhunderte unbeschadet überdauert haben, Buch geführt über jene klerikalen Verbrechen, die auf päpstliche Anordnung und meistens in gutem Glauben durchgeführt wurden. Alleine in den Katakomben des römischen Sanctum Officium lagern derartige Prozessakten, fein säuberlich gebunden und registriert zu Hunderten. Und lediglich die Akten der Hexenprozesse wurden in ihrer Gesamtheit zur wissenschaftlichen Erforschung an ausgewählte Forscher freigegeben.
Heute, nachdem sich das Wissen strickt gewandelt hat und sich in direkter, aber auch in indirekter Weise gegen die meisten Dogmen ausspricht, macht die Kirche schon das eine oder andere Mal das Zugeständnis, wie im Falle von Galilei, mit der Verurteilung eines Menschen einen Irrtum begangen zu haben. Um nicht noch mehr solcher Irrtümer zugeben zu müssen, so scheint es jedenfalls, werden offenbar die meisten Gerichtsprotokolle ganz bewusst und mit voller Absicht der breiten Öffentlichkeit vorenthalten. Aufklärung über die genaue Zahl der Prozesse und die daraus resultierenden Toten, könnte sicherlich eine kirchliche Erhebung versprechen, wenn nicht bei dieser Frage die Tatsache der Wahrheit im Wege stehen würde, dass eine Krähe keiner anderen ein Auge aushackt.
Wie dem auch sei: alle Spekulationen können nur immer wieder weitere Vermutungen hervorrufen, denn aus den schon in der Einleitung genannten Gründen ist eine authentische Rekonstruktion der genauen Zahlen wohl für immer und ewig unmöglich. Das soll aber nicht bedeuten, dass jene im Unrecht sind, die es als unabänderliche Tatsache ansehen, dass während 1200 Jahren Papstherrschaft, laut Ernst Haeckel, ca. 10 Millionen Menschen alleine in den katholisch und protestantisch orientierten Ländern Westeuropas in fanatischem Glaubenseifer durch die Inquisition ums Leben kamen. Die Länder orthodoxen Glaubens, also das gewaltige Riesenreich Russland nicht berücksichtigt, wurden bislang noch überhaupt keiner umfassenden oder abschließenden Überprüfung unterzogen. Würde man auch in Russland eine lückenlose Hexen- und Ketzerforschung betreiben, käme man sicherlich auf wesentlich höhere Zahlen. Um so mehr, da das russische Zarenreich bekanntermaßen recht gerne Andersdenkende, also Häretiker, den schauerlichsten Strafen unterzog.
Obwohl Ernst Haeckel in seinem Buch „Welträtsel" keine genaueren Angaben zu seiner Quelle macht, können wir davon ausgehen, dass er sich hier ganz sicher auf den sogenannten „Soldan-Heppe" beruft. Einem Buch über Hexenverbrennungen, das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem protestantischen Juristen W. G. Soldan und dessen Schwiegersohn 1843 verfasst und von Heppe 1880 neu überarbeitet wurde.
Diese Autoren sprechen als einzige davon, zugegeben nicht immer von folgerichtigen Voraussetzungen ausgehend, dass in 11 Jahrhunderten alleine in Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien, 9.442.992 Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt wurden. Ihrer Meinung nach beginnen die Verfolgungen nicht erst im 14., sondern schon im 6. Jahrhundert. Eine nicht von der Hand zu weisende Behauptung, denn es ist eine historische Tatsache, dass der 65. Papst, Gregor I. der Große, welcher auch der Heilige genannt wird, als erster ganz offiziell das Verbrennen als Strafe für angeblich überführte Hexen einführte.
Alleine aus diesem Grund, muss mit der Zählung der Opfer auch in dieser Zeit begonnen werden. Wobei es schon im Alten Testament der Bibel heißt, dass Hexen brennen sollen und wir daher davon ausgehen können, dass das Christentum von Anfang an auch diese jüdische Tradition übernommen hat.
Zumindest wissen wir durch den im 14. Jahrhundert lebenden Schriftenerklärer Nikolaus von Lyra, dass sich die Kleriker für ihre Schandtaten an Frauen die Absolution aus der Bibel holten, weil in den Büchern Moses überliefert wird, dass Frauen Hexerei betreiben.
Selbstverständlich wird in klerikalen Kreisen sehr heftig widersprochen, wenn man Häresie und Hexerei miteinander verbindet. Geht man jedoch objektiv in der Geschichte zurück, dann erkennt man sehr schnell, dass Hexen, Ketzer und Häretiker mit den selben Mitteln verfolgt und mit annähernd den gleichen Verfahren zu einem Geständnis „überredet" wurden. Der Unterschied lag nur darin, dass Hexen keine Gnade erhoffen konnten, Ketzer hingegen, sofern sie nicht Rückfällige oder konvertierte Juden waren, wurden meistens von der Todesstrafe verschont.
Zudem, liest man das Neue Testament aufmerksam, ist die Verfolgung der Ketzer, also jener Christen die anderer Meinung als der übrige Teil der Christenheit war, ebenfalls weit früher in den Ablauf der Geschichte einzuordnen, als dies geflissentlich heute von einigen Geschichtsforschern getan wird, denn „Verachtung und Verfolgung von Christen durch Christen reicht in frühe Zeiten zurück. Schon Paulus nannte bisweilen seine christlichen Gegner »Hunde«, »Verstümmelte«, »Lügenapostel«. Der 2. Petrusbrief strotzt nur so von Beschimpfungen der Anhänger anderer christlicher Meinungen. Sie werden als »Schmutz- und Schandflecken«, »Kinder des Fluches«, »vernunftlose Tiere«, »Hunde«, »Schweine« bezeichnet (2. Petr. 2,12 ff; 2,22).
In der Auseinandersetzung mit den Häretikern wurde in späteren Jahrhunderten dieser Stil beibehalten. Der auf Versöhnlichkeit und Ausgleich bedachte Gregor von Nazians bemerkte dazu: »Wir alle sind nur insofern fromm, als wir andere der Gottlosigkeit beschuldigen [...] Wir fallen übereinander her und verschlingen einander [...] Überall wird da der Glaube vorgeschoben [...] Dies hat uns der innere Krieg beschert [...] Soll man für Christus kämpfen, ohne sich an Christi Gesetze zu halten?" [1]
Den Hexen- und Ketzerwahn einzig und allein in das 15., 16., 17. und 18. Jahrhundert zu verlegen ist daher sicherlich falsch und vollkommen abwegig. Man könnte sogar sagen, dass die Verbreitung derartiger angeblicher Erkenntnisse in höchstem Maße geschichtsfälschend ist. Selbst dann, wenn der Schwerpunkt der Ketzer- und Hexenverfolgungen nachweisbar im 16. Jahrhundert gelegen hat, kann man dennoch keineswegs davon sprechen, dass diese Ereignisse auf diese Zeiten eingegrenzt werden können.
Natürlich ist es kein Wunder, wenn heute zu diesem Thema die Meinungen auseinander gehen und wir, je nach Forschungsschwerpunkt, voneinander abweichende Resultate aufgetischt bekommen. Einige Beispiele mögen dies belegen.
Der Autor des Buches "Gottes erste Diener", De Rosa, wird in dem hochinteressanten und sehr zutreffenden Spiegelartikel "Blut und Leichen" so zitiert, dass in päpstlichem Auftrag in Europa alleine zwischen „300.000 und 3 Millionen" Frauen als Hexen ermordet wurden. Würde man die hohe Zahl der Ketzer hinzuzählen, käme man auf noch höhere Zahlen.
Der Verfasser das Buches "Hexenwahn und Hexenprozesse", Manfred Hammes, ist der Ansicht, dass zwischen 1450 und 1750 in Mitteleuropa mehrere Hunderttausend als Hexen, Zauberer und Ketzer angeklagt und nach der obligatorischen Folter und dadurch zwangsläufigen Verurteilung, vorwiegend verbrannt wurden. Die meisten, behauptet er, seien davon im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ums Leben gekommen. Eine nicht haltbare Ansicht, die allerdings auch von den Wissenschaftlern des AKIH, dem Arbeitskreis Interdisziplinärer Hexenforschung der zentralen Stelle zur Erforschung dieses Phänomens in Tübingen, verbreitet wird. Diese behaupten, die Hexenverfolgung wäre „kein ausschließlich katholisches, sondern allgemeines deutsches Verbrechen". Das sie sich in diesem Punkt in vollem Umfang irren, sieht man am besten daran, dass die wahre Hochburg der Verfolgungen unanzweifelbar Spanien war. Man kann diesen Forschern lediglich bescheinigen, dass sie an der historischen Realität bewusst vorbeisehen, um einen Sündenbock zu suchen. Wenn diese Forscher dann auch noch den Schwarzen Peter den Deutschen unterjubeln möchten, dann geschieht diese eindeutige Geschichtsfälschung ausschließlich zur Unterdrückung dieser historischen Tatsachen.
Wenn dabei der AKIH den 1484 verfassten „Hexenhammer" von Heinrich Insitoris Kramer und Jakob Spranger als Ausgangspunkt der deutschen Hexenverfolgung sieht, der im übrigen Europa nicht den Anklang fand, dann doch nur deshalb, weil für ganz Europa nicht der berühmt berüchtigte „Hexenhammer" zuständig war, sondern die päpstliche Bulle "summis desiderantes". Die ja bekanntlich als Vorwort im Hexenhammer steht.
Reiner Decker, ein Mitglied des AKIH, sagt zum Thema u. a., „das es in Rom selbst kaum zu Verurteilungen gekommen ist". Andere Mitglieder behaupten, dass Rom gänzlichst frei von Schuld ist und die meisten stufen die katholische Ketzergerichte ohnehin in ihrer Gesamtheit als protestantische Propaganda ein. Siehe insbesondere die spanische Inquisition. Tatsache ist es jedoch, dass die historische Hexenverfolgung nicht nur in Deutschland, sondern ganz Europa gab und demzufolge auch eine rein europäische Angelegenheit ist und als solche, obwohl auch staatliche Institutionen maßgeblich mitwirkten, auch als katholisches Problem bewertet werden muss. Dass sich katholische, aber auch Theologen anderer christlicher Konfessionen auf dieses Gebiet nicht wagen, ist verständlich. Selbst wenn sie versuchen die ganze Angelegenheit unter den Tisch zu kehren ist noch bis zu einem gewissen Grad durchaus einzusehen. Dass sie aber ganz bewusst Lügen verbreiten ist nicht im Sinne der christlichen Lehre.
Um dies zu beweisen muss man sich allerdings die Mühe machen und in der historischen Vergangenheit Europas intensiv forschen, um die Wahrheit zu entschlüsseln. Hier erkennt man dann auch, dass die Hexen- und Ketzerverfolgung in Deutschland und anderen Ländern vollkommen gleich zu behandeln ist. Und, ich wiederhole mich, was der „Hexenhammer" ganz speziell für Deutschland war, ist die päpstliche Bulle „summis desiderantes" eindeutig für Europa gewesen.
Wie z.B. das Malleus Maleficarum (Hexenhammer) die Hexenverfolgung in Deutschland legalisierte, so wurde in ganz Europa die Hexenverfolgung durch die Bulle „summis desiderantes" für gesetzmäßig erklärt. Wobei die Ketzerverfolgung ganz speziell durch den Malleus Haereticorum (Ketzerhammer) und die Judenverfolgung, die in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden darf, durch den Malleus Iudeorum (Judenhammer) europaweit geregelt wurde. Heute werden diese Schriften recht gerne unterschlagen, wohl deshalb, weil die Päpste dadurch ihre Hände in Unschuld waschen können. Hinter der Fassade des ultramontanen Papsttums sieht es ganz anders aus.
Diese Aspekte der Ketzer- und Hexenverfolgung, auch wenn es bestimmte Kreise in der Kirche nicht wahrhaben wollen, sind keine Frage der Diskussion, sondern eine historisch längst mehrfach verifizierte Tatsache, die zu jeder Zeit in den existierenden Kirchenakten nachgelesen werden kann. Nur - leider kann man dem Volk alles erzählen, weil es keine Möglichkeit der Überprüfung hat. Um dieses leidige Thema aufzuhellen ist die von der Kirche abhängige Institution des AKIH also nicht der richtige „Verein" - mir scheint, man hat hier im wahrsten Sinne des Wortes den Bock zum Gärtner gemacht!
Evelyn Heinemann behauptet in ihrem Buch „Hexen und Hexenangst", dass „von 1480 bis 1780 in Europa schätzungsweise 100.000 Menschen, vorwiegend Frauen, als Zauberer und Hexen", „ihr Leben auf dem Scheiterhaufen lassen mussten". Sie schließt sich in ihrer Ansicht dem Forscher Behringer an, der zum gleichen Resultat kommt. Wie fast alle modernen Autoren verwirft sie dabei die Ansicht, dass die Zahlen weit höher liegen könnten und meint, dass Zahlen, die von 1 bis 5 Millionen Menschen sprechen, eher „unwahrscheinlich" sind.
Der Trend in der Hexenforschung geht also nach unten und offensichtlich schließen sich immer mehr Autoren jener unhaltbaren Meinung an, dass im Rahmen der Hexen- und Ketzerverfolgungen kleinere Zahlen wesentlich realistischer seien.
Auch Hans-Jürgen Wolf, der Autor des beachtlichen Buches „Hexenwahn" ist dieser Meinung. Auch er glaubt, dass die Autoren, die von Millionen sprechen, nicht den Fakten Rechnung tragen und übertreiben. Er schreibt in seinem Buch: „Das Phänomen des Hexenwahns bedarf der Übertreibung nicht, es ist furchtbar genug." Sicherlich hat er mit dieser Äußerung vollkommen recht, doch ist bei einer geschichtlichen Aufarbeitung mit beschönigten Zahlen ebenfalls keine Exaktheit herbeizuführen. Er selbst nennt, einzelne Quellen natürlich ausgenommen, dabei ebenfalls keine exakten Gesamtdaten.
Viele Autoren behaupten heute, dass die hohe Zahl der Opfer alleine deshalb nicht stimmen kann, weil die Bevölkerungszahl Europas so gering war, als dass sie eine so hohe Zahl von Toten hätte kompensieren können. Tatsache ist aber, dass so mancher Fürst den Verfolgungen Einhalt bot, weil von der Inquisition, im wahrsten Sinne des Wortes mit eisernem Besen, ganze Regionen regelrecht leergefegt wurden.
Immer wieder gab es in der Bevölkerung deshalb buchstäbliche Aufstände gegen das Treiben der Inquisitoren. Nicht selten, wie beispielsweise 1233 in Cordes, 1234 in Narbonne, Albi und Toulouse oder 1242 in Avignon, wurden die Inquisitoren „vom aufgebrachten Volk getötet". Auch „in der weiteren Folge bekommen die Geistlichen den Argwohn des Volkes zu spüren. Einzelne werden misshandelt, verjagt und/oder umgebracht".[2]
Wir können also nicht davon sprechen, dass die hohen Zahlen nicht möglich gewesen wären. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Denn von der damaligen, vor allem angenommenen und keinesfalls authentisch nachgewiesenen Bevölkerungsdichte von Europa, darf auf gar keinen Fall ausgegangen werden. Und somit sind auch die Zahlen von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, der Verfasser des Buches „Die Vernichtung der weisen Frauen", mit Vorsicht zu genießen. Während Heinsohn und Steiger von einer Bevölkerung von ca. 50 Millionen ausgehen, wird im „Soldan-Heppe", ein Buch das eigentlich zu den Standardwerken in der Hexen- und Ketzerforschung gehört, von 71 Millionen gesprochen. Bei beiden werden allerdings die osteuropäischen Staaten ausgenommen. Diese müssten wir jedoch dazuzählen, denn auch in diesen Ländern, vornehmlich in Polen, Böhmen, Mähren, Ungarn und Russland, gab es eine Inquisition gegen Andersdenkende.
Egal welche Zahlen wir nun letztlich als authentisch betrachten, die Zahl der Menschen, die durch die Inquisition letztlich in fanatischem Glaubenseifer in allen Teilen Europas umgebracht wurden, dürfte wohl um ein Million gelegen haben. Diese Zahl wird auch durch den „DTV-Atlas zur Weltgeschichte" bestätigt. Und immerhin ist dies ein Buch, das im Geschichtsunterricht an unseren Schulen Verwendung findet.
Wobei man auch berücksichtigen muss, dass vor allem Ketzerprozesse kein rein katholisches Problem waren. Sowohl Lutheraner als auch Calvinisten, auch dies wird durch unzählige Gerichtsdokumente eindeutig belegt, führten einen erbitterten Krieg gegen Freidenker und jeder, der sich gegen die regionale Ideologie stellte, war letztlich potentielles Opfer des allerorts existierenden Hexen- und Ketzerwahns.
Betrachten wir uns beispielsweise die Vita von Giordano Bruno, dann stellt man fest, dass seine revolutionären Gedanken weder bei den Katholiken noch bei den Protestanten, auf viel Gegenliebe gestoßen sind. Schon 21 Jahre bevor er im katholischen Rom auf dem Campo dei Fiori bei lebendigem Leib verbrannt wurde, wurde er am 6. August 1579 in Genf ins Gefängnis geworfen und aufgrund einer Streitstrift gegen einen der maßgeblichsten Professoren, stand er zeitweise sogar mit einem Bein auf dem Scheiterhaufen, denn auch die Nachfolger des 1564 in Genf verstorbenen Reformators Calvin, kannten gegen Andersdenkende keine Gnade. Alleine zwischen 1542 und 1546 wurden in Genf 58 Menschen getötet, weil sie als Häretiker angesehen wurden. Brunos Schicksal war somit nur eines unter vielen.
Nimmt man somit alle geführten Prozesse gegen Hexen und Häretiker zusammen, so müssen wir konstatieren, dass die Anzahl derer, die durch die immer wieder ganz Europa rhythmisch heimsuchenden Hinrichtungs- und Verbrennungswellen ums Leben kamen, mit einer Million Toter wohl viel zu niedrig angesetzt ist. Um so mehr drängt sich dieser Rückschluss auf, da alleine „die Hinrichtungswellen des 16. und 17. Jahrhunderts Kleinkinder (die man der noch lebenden Mutter auf den Scheiterhaufen wirft), Rats- und Chorherren, schöne Jungfrauen, geistliche und weltliche Honoratioren, wie 95-jährige Greise [umfasst], die man auf einer Ochsenhaut oder Bahre zum Brandplatz schleift"[3].
Aufgrund der Tatsache, dass das inquisitorische Treiben vor niemandem Halt gemacht hat, ist es durchaus realistisch, von einer Million Toter auszugehen, zumal sich die Zeitdauer des Hexen- und Ketzerwahns über einen Zeitraum hinzieht, der im Grunde genommen mit der Christianisierung einzelner Völker beginnt und immer dann ungeahnte Ausmaße annimmt, wenn das religiöse Glaubensgefüge durch abweichende Dogmen oder gar durch vollkommen andersartige Religionsvarianten ins Wanken gerät. Deutlich zeigt sich in diesem Zusammenhang, dass die Inquisitionsgerichte in den Zeiten von Reformation und Gegenreformation besonders oft und unnachgiebig eingesetzt wurden. Galt es doch besonders in diesen Epochen des Widerspruchs die klerikal aufgebaute geistige Knechtschaft dadurch zu stärken, dass dem menschlichen Widerspruch durch Angst und Schrecken machtvolle Schranken auferlegt wurden, die kaum jemand zu überschreiten wagte.
Trotz dieser Schranken kam es zu Inquisitionsprozessen. Nicht zuletzt deshalb, weil kaum ein Mensch in der Lage war, die klerikal auferlegten Regeln zu halten. Die mit Hexerei und Häresie verbundene Rechtsterminologie war, wohl mit Absicht, viel zu breit gefächert. Alle Menschen konnten damals ohne weiteres der Gotteslästerungen, des Schadenszaubers oder der Irrlehre bezichtigt werden. Kein Wunder also, wenn das einfache Volk hinter allem und jedem ein Verbrechen vermutete und jeden denunzierte, von dem es annahm, dass er ein Ketzer sei. So viele Menschen mussten in dieser traurigen Epoche der menschlichen Geschichte eines gewaltsamen Todes sterben. Und letztlich nur deshalb, um ein durch und durch marodes System zu stärken.
Recht gerne wird der Tod von Giordano Bruno als Wendepunkt gesehen, aber die nach seinem Tod einsetzende Hinrichtungswelle erreichte im 17. Jahrhundert noch einmal einen Höhepunkt, der nur sehr langsam im 18. Jahrhundert wieder abflaute.
[1] „Lexikon - Religion" von Hartwig Weber, Hamburg 1992, S. 293
[2] „Hexenwahn" von Hans-Jürgen Wolf, Herrsching 1990, Seite 76
[3] „Hexenwahn" von Hans-Jürgen Wolf, Herrsching 1990, Seite 18
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