Vortrag beim One-day-meeting 1998 der Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und SETI (A.A.S.) in Basel
Rätsel der Etrusker
von Nicolas Benzin
Die äußere Geschichte der Etrusker, wie sie in einem Atlas zur Weltgeschichte dargestellt wird, ist schnell erzählt:
Ab 900 v. Chr. wandern die Etrusker wahrscheinlich aus Kleinasien in das Gebiet des heutigen Italien ein. Allmählich unterwerfen sie das Gebiet zwischen den Flüssen Tiber und Arno. Hauptsiedlungsgebiet wird die metallreiche Toskana. Um 600 v. Chr. kommt es zur Gründung eines Zwölfstädtebundes nach dem Vorbild im kleinasiatischen Ionien. Im Laufe des 6. Jahrhunderts dehnen die Etrusker ihre Macht nach Norden in die Po-Ebene und nach Süden über Rom hinaus nach Latium und Campanien aus. Von Felsina, dem heutigen Bologna, ausgehend, entwickeln sie einen umfangreichen Landhandel nach Mittel- und Nordeuropa. Um 540 v. Chr. erringen die Etrusker zusammen mit den verbündeten Karthagern einen Seesieg über die ebenfalls im Mittelmeer Handel treibenden Griechen. Nach dieser berühmten Schlacht bei Alalia ist die Seeherrschaft der Etrusker im nordwestlichen Mittelmeer gesichert und die etruskischen Stadtstaaten gelangen neben dem Metallhandel nun auch durch einen ungestörten Seehandel zu Reichtum. In der griechischen Überlieferung gelten die Etrusker - zu recht oder zu unrecht, das will ich nicht beurteilen - auch als berüchtigte Seeräuber.
Bei der Gründung der Stadt Rom spielen die Etrusker eine nicht unbedeutende Rolle und stellen dort später auch einige der Könige, von denen der letzte Tarquinius Superbus ist. Im 5. Jahrhundert v. Chr. verfällt die etruskische Macht nach dem Sturz der Tarquinier in Rom und der Seeschlacht von Cumae (Kyme), in der die Etrusker durch eine Flotte des griechischen Syrakus geschlagen werden. 396 v. Chr. wird der 20 km von Rom entfernte Stadtstaat Veji von den Römern eingenommen, im Norden werden die Etrusker in der Po-Ebene von den einfallenden Kelten bedrängt.
Es bestand wohl nie ein Etruskerreich mit einem geschlossenen Staatswesen, die Etrusker besaßen in Italien aber durch wechselnde Städtebündnisse eine Vormachtstellung. Die Städte werden durch Könige regiert, später üben adlige Wahlbeamte einen starken Einfluß aus.
Das gesamte Leben der Etrusker wird durch religiöse Vorschriften bestimmt, sie entwickeln einen ausgeprägten Totenkult mit Leichenspielen und Gladiatorenkämpfen, die Rom später übernehmen wird. Die Grabhügel und Totenstädte erreichen beachtliche Ausmaße. In der durch die Religion geprägten Kultur haben die Priester eine wichtige Stellung. (vgl. Kinder/Hilgemann, 77).
Betrachtet man die äußere Geschichte der Etrusker, so findet man eigentlich nichts Besonderes. Doch bereits Ulrich Dopatka wies 1979 in seinem damaligen Lexikon der Prä-Astronautik darauf hin, daß "die Mythologie der Etrusker reich an Elementen ist, die im Sinne der Prä-Astronautik Beachtung verdienen würden." (Dopatka, 116)
Nun ist es aber leider so, daß uns von den Schriften der Etrusker nur geringste Spuren erhalten sind. Neben der sogenannten Agramer Mumienbinde, die einen Text des Opferrituals enthält, sind dies hauptsächlich Inschriften, die mit dem Totenkult in Verbindung stehen.
Wir sind daher auf die nicht immer freundlichen Berichte von Griechen und Römern angewiesen, die über die antike Literatur geradezu verstreut zu finden sind.
Auf dem Gebiet der Archäologie bildet weniger die Stadtarchäologie, als vielmehr die Erforschung der Totenstädte einen Schwerpunkt. Man faßt dabei die Totenstädte als ein Gegenstück zu den Städten der Lebenden auf und kann so vielerlei Aspekte der etruskischen Kultur rekonstruieren. Die Grabanlagen enthalten zudem, soweit sie nicht bereits ausgeraubt worden sind, zahlreiche Grabbeigaben und Wandmalereien mit Motiven des Alltags und der Mythologie.
Auch auf dem Gebiet der Kunstgeschichte lassen sich verschiedene Aussagen treffen. So waren die Etrusker Meister der Goldschmiedekunst. Die Details an goldenen Armbändern, Broschen, Spangen und Ohrringen waren zwar griechischen oder ähnlichen Erzeugnissen aus dem Nahen Osten nachempfunden, aber die bei der Herstellung angewandte Granulations- und Treibtechnik wurde durch die Etrusker unglaublich verfeinert. Der amerikanische Historiker Michael Grant kommt zu dem Schluß: "Es gibt sogar einzelne Verfahrensgeheimnisse, hinter die man bis heute nicht gekommen ist. So ist etwa die Frage, wie die winzigen Goldkügelchen beim Granulieren auf der Goldplatte befestigt wurden, nicht so vollständig beantwortet, wie manche es schon glaubten." (Grant, 159)
Obwohl die Anfänge der Etrusker wie bei den meisten Völkern im Dunkeln liegen und die Quellenlage zunächst nicht besonders gut zu sein scheint, ist die Literatur über das älteste Kulturvolk Mittelitaliens heute selbst für den Spezialisten kaum noch zu überblicken, wie ein Professor kürzlich in einer Veröffentlichung schrieb. (Prayon, 118)
Auch wenn ich mich bei der Auswahl der Literatur auf die zur Zeit im Buchhandel erhältlichen Publikationen beschränkt habe, so bin ich doch zu dem Schluß gekommen, daß es kaum ein Volk gibt, über dessen Herkunft und Geschichte es so widersprüchliche Meinungen gibt.
Dies zeigt, daß noch vieles offen und in der Diskussion ist. Der Historiker Michael Grant meint sogar, daß "die Etruskologie noch längst keine exakte Wissenschaft <ist>." (Grant, 9) -Wenn man das von irgendeinem Teilgebiet der Geschichtswissenschaft überhaupt sagen kann...
Woher kommen die Ägypter, Chinesen und Inder? - In den allgemeinen Darstellungen über die Entwicklung dieser alten Hochkulturen werden Sie diese Frage meist nur am Rande behandelt finden. Ganz anders ist es bei den Etruskern. "Kein anderes Volk der Antike hat in der neuzeitlichen Geschichtsforschung eine so lebhafte Debatte in Hinblick auf seine Herkunft ausgelöst wie die Etrusker." (Torelli, 29)
Bald jeder Forscher möchte diese Frage gerne übergehen, um dann doch seine eigene Ansicht zu dieser Thematik darzulegen und gegenteilige Ansichten der Fachkollegen zu entkräften.
Wie kommt es dazu, daß diesem Thema so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird? - Die Herkunft der Etrusker beschäftigte bereits die Historiker der Antike. Wir dürfen nicht vergessen, daß dieses Volk eine Zeit lang auf der italienischen Halbinsel und im Mittelmeerraum beträchtlichen Einfluß besaß und auch für das später so mächtige Rom eine wesentliche Rolle bei dessen Gründung und Vermittlung der griechischen Kultur spielte. Die anderen Völker des Mittelmeerraumes sahen die Etrusker als Fremde an. Und tatsächlich muß man heute feststellen, daß man unter den bekannten Sprachen historischer Zeit bisher noch keine gefunden hat, die mit dem Etruskischen verwandt ist. (Stützer, 14) Ähnliches kann man auch von den für uns von großem Interesse seienden Sumerern behaupten, die ebenfalls kein Reich bildeten und in einem losen Verbund konkurrierender Stadtstaaten lebten.
Bereits in sehr früher Zeit, im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. standen die etruskische, die griechische und die latinische Kultur eng miteinander in Verbindung. (Prayon, 73) Die Etrusker schätzten Keramik und Kunstgegenstände nach griechischem Vorbild und nahmen auch Darstellungen fremder Mythologien in ihre bildende Kunst mit auf. Die dargestellten mythologischen Erzählungen konnten dabei bisweilen stark verändert oder mit den Vorstellungen der eigenen Religion vermischt werden. Prof. Friedhelm Prayon erläutert:
"So identifizierten die Etrusker ihre vorhandenen Gottheiten mit den griechischen, wenn sie vergleichbare Funktionen besaßen. Dabei behielten sie entweder den eigenen Namen bei, wie im Falle der Göttereltern Tinia und Uni, oder sie übernahmen und etruskisierten griechische Götternamen wie etwa Apollon-Aplu oder Artemis-Artumes. Ein ähnliches Namensgeflecht ergibt sich zu den lateinischen Götternamen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Götter meist mehrere Funktionen besaßen, sich also nur Teilaspekte von ihnen mit denen der namensgleichen Gottheiten Griechenlands oder Roms deckten." (Prayon, 73) Oder wie es der Etruskologe Pfiffig ausdrückt: "Der Einfluß der griechischen Religion, als Mythos und Kult gesehen, ist, wie heute praktisch alle Kenner zuzugeben bereit sind, nur ein oberflächlicher gewesen und hat den Kern der e. R. nicht berührt." (Pfiffig, 377)
Die Gelehrten haben umfangreiche Götterlisten zusammengestellt, wenn man auch bei vielen Göttern, Göttinnen und sonstigen überirdischen Wesen gerade einmal ihre Funktion oder ihren Namen kennt. Das hat natürlich mit der schlechten Quellenlage zu tun, aber auch mit der damaligen Zielgruppe der alten Chronisten und Historiker. Denn sie haben uns naturgemäß nur das überliefert, was ihre Leserschaft im Altertum interessierte - und, in modernen Kategorien, was sich auch verkaufen ließ. Die Römer beispielsweise waren eher praktisch ausgerichtet, was die Religion betraf. Ihnen ging es um ein gutes Verhältnis zu den Göttern, und dabei hauptsächlich darum, wie man den Willen der Götter erkennt. Die Götter teilten sich, so glaubte man, hauptsächlich durch gewisse Naturereignisse mit. Diese galt es also zu interpretieren, um nicht durch irgendeine Handlung gegen den göttlichen Willen zu verstoßen und damit den göttlichen Zorn herauszufordern. Den Römern lag also nur etwas daran, die etruskischen Möglichkeiten der Divination, der Wahrsagung zu nutzen. Sie kümmerten sich dabei weder um die etruskischen Götter, noch um deren Eigenart und Kult. (Banti, 102)
Dieses Desinteresse schlägt sich dann natürlich auch in den uns heute verfügbaren Quellen nieder. Bis in die Spätantike stand die etruskische Kunst der Divination in höchstem Ansehen und prägte bis zuletzt die römische Religion entscheidend mit. Doch das Christentum wertete sie radikal ab. So wurde Etrurien als >Urheberin und Mutter allen Aberglaubens< bezeichnet. Die Folge war, daß uns die heiligen Texte der Etrusker selbst nicht überliefert worden sind, da sie der Vernichtung anheimgefallen sind. (vgl. Dröge, 170)
Auch von den etruskischen Kultstätten sind uns nur spärliche Reste erhalten geblieben. Es ist jedoch bekannt, daß viele etruskische Tempel drei Kulträume, sog. Zellen enthalten haben, in denen wohl (wie bei Griechen und Römern auch) die Kultbilder der Götter aufgestellt waren. In der Nähe der Tempelanlagen gab es häufig auch Brunnen, in denen Opferreste und Kultgegenstände niedergelegt worden sind. Unter dem Begriff des mundus, der aus der römischen Religion stammt und für den etruskischer Ursprung möglich und wahrscheinlich ist (Pfiffig, 84), kann man sich bei diesen Öffnungen teilweise auch Tore zur Unterwelt vorstellen. Der Etruskologe Pfiffig sieht dies anders, wenn er ausführt, "daß in solchen Brunnen oder Zisternen fast immer Knochen, ganze und zerbrochene Gefäße, Münzen u.a. - unter Umständen auch eine Fluchtafel oder ein Gelübdetext - gefunden werden, besagt nichts gegen einen Brunnen und für einen Mundus. Jeder Ausgräber weiß, daß bei der Ausräumung eines alten Brunnens >etwas< zu finden ist." (Pfiffig, 85)
Daran, daß etwas zu finden ist, daran zweifele ich gar nicht. Für mich stellt sich vielmehr die Frage: Warum ist in den allermeisten Brunnen der alten Völker etwas zu finden? Nicht irgendwelche Dinge, die zufällig hineingefallen sind, sondern durchweg Opfer, Geschenke und Botschaften an die Götter. In einer erst kürzlich erschienenen Arbeit mit dem Titel Tore in die Anderswelt - Brunnen, Seen und Teiche in Sagen und historischen Überlieferungen (Benzin, 252-271) habe ich die Verbreitung dieses weltweiten Phänomens untersucht. In vielen alten Kulturen galten diese Wasserflächen als Tore in die Welt der Götter, durch die Menschen oder Gegenstände direkt zu - wie auch immer gearteten - fremden Wesen gelangen konnten.
Auch im Bereich des alten Etrurien gibt es einen weiteren Hinweis für diese Überzeugung. Der Falterona-See in Nordetrurien, im Quellgebiet des Flusses Arno gelegen, befindet sich in einer unwirtlichen Höhe von 1400 Metern. Der See ist heute trockengelegt. Im Jahr 1838 machte man zunächst einige Zufallsfunde, so gab der See unter anderem eine bronzene Herakles-Statuette preis. In den auf den Fund folgenden Wochen kamen bei einer rasch eingeleiteten systematischen Suche noch einmal etwa 500 Bronzestatuetten zutage. Letztlich sollen ganze 2000 Gegenstände geborgen worden sein. Darunter befanden sich auch Statuetten von Haustieren, Pfeilspitzen, Münzen und Waffen - Geschenke an die Götter. (vgl. Prayon, 78)
Diese Sternentore waren aber keine Einbahnstraße in die Welt der Götter. Sagen, Mythen und religiöse Überlieferungen sprechen auch davon, daß oftmals göttliche Wesen auf diesem Weg in unserer Welt erschienen. Manchmal waren dies Kulturheroen, göttliche Lehrmeister, die den Menschen Fertigkeiten der Kultur vermittelten oder ihnen bestimmte Gegenstände oder auch Pflanzen mitbrachten. Diese Kulturbringer erschienen auch in fliegenden Gefährten, traten aus Höhlen oder Felsspalten.
Der Kulturbringer der Etrusker hieß Tages. Über sein Erscheinen existiert noch heute ein Bericht des römischen Politikers, Schriftstellers und Redners Marcus Tullius Cicero aus dem Jahr 44 v. Chr., den er in seinem Dialog De Divinatione - Über die Wahrsagung nach alten etruskischen Quellen aufgezeichnet hat:
"Ein gewisser Tages - sagt man - kam im Gebiet von Tarquinii, als beim Pflügen eine Furche etwas tiefer gezogen worden war, plötzlich ans Licht und sprach den Pflüger an. Dieser Tages nun zeigte sich gemäß den Büchern der Etrusker - sagt man - in jugendlicher Gestalt, aber er verfügte über die Weisheit eines alten Mannes. Bei seinem Anblick verlor der Ackerknecht die Fassung und erhob verwundert ein ordentliches Geschrei: da sei ein Auflauf entstanden, und in kurzer Zeit sei ganz Etrurien an dem betreffenden Ort zusammengeströmt. Darauf habe jener eine längere Rede gehalten; viele hörten ihm zu, nahmen alle seine Worte auf und hielten sie schriftlich fest. Insgesamt seien seine Erörterungen so angelegt gewesen, daß sie die Lehre der Beschauer enthielten; diese sei in der Folge gewachsen, da man neue Gesichtspunkte hinzugewann und zu den genannten Grundlagen in Beziehung setzte. So haben wir es von den Etruskern selbst überliefert bekommen, so steht es in ihren Schriften, so sieht der Ursprung der Lehre aus." (Cicero, 181)
Peter Fiebag vergleicht diesen Bericht nicht zu unrecht mit modernen Erzählungen, die mit UFO-Erscheinungen in Zusammenhang stehen. (Fiebag, 189)
Die Lehre, das ist die geheimnisvolle etruskische Disziplin. Aus den Aufzeichnungen der Rede des Tages müßten alle drei die etruskische Disziplin enthaltenden Bücher hervorgegangen sein. Laut einer anderen Stelle von Ciceros De Divinatione (I, 72) handelt es sich dabei um die Eingeweide-, Blitz- und Ritualbücher der Etrusker. (Cicero, Anm., 360) Die Eingeweidebeschau als Mittel der Wahrsagekunst soll uns hier nicht weiter interessieren. Bedeutender für unser Forschungsgebiet ist die Wissenschaft von den Blitzen. Nach anderen Überlieferungen soll die Lehre von den Blitzen jedoch von der Nymphe Vegoia vermittelt worden sein. (Banti, 101, Stützer, 163) Dafür habe Tages noch die Kunst der Landvermessung gelehrt. (Pfiffig, 114) Das als disciplina etrusca bekannte religiöse Wissen der Etrusker stand wahrscheinlich offiziell nur der Priesterschaft zur Verfügung. Prof. Prayon schreibt aber von Vermutungen, daß Cicero, der selbst römischer Augur war, durch seinen Briefpartner Aulus Caecina, einen etruskischen Priester, manche Informationen erhalten habe, die er dann in seinen Schriften verarbeitet hat. (Prayon, 13)
Der oberste Gott der Etrusker hieß Tinia. Ihm kam neben acht weiteren Göttern das Schleudern von Blitzen zu. Dabei standen ihm drei Arten von Blitzen zur Verfügung. Davon konnte er nur die erste von sich aus zur Erde senden, vor der Anwendung der zweiten Art beriet er sich mit zwölf Göttern. Sollte aber die dritte Art zur Anwendung kommen, so setzte das eine Absprache mit geheimnisvollen übergeordneten Göttern voraus, deren Namen uns unbekannt geblieben sind. (Banti, 105) Die drei verschiedenen Blitze des Tinia sind in aufsteigender Reihe von immer größerer zerstörerischer Wirkung. Für den obersten Gott ist es erstaunlich, daß er sich mit anderen Göttern oder sogar einer übergeordneten Instanz beraten und die Zustimmung für die Verwendung seiner Waffe einholen muß. Von den Blitzen der anderen Götter unterscheiden sich die Blitze Tinias durch ihre Farbe, sie sind blutrot. Die Blitze der anderen blitzführenden Götter sind weiß oder dunkel, was auch eigenartig ist. (vgl. Pfiffig, 131)
Hans-Werner Sachmann hat ein ganzes Buch über Götter-Waffen verfaßt. Im Abschnitt über Blitze geht er nicht nur auf einige etruskische Überlieferungen ein (Sachmann, 44, 70), sondern überlegt auch, ob hinter den Blitzen der vermeintlichen Götter nicht so etwas wie eine Laser-Waffe stehen könnte. Eine Vermutung, die sich bei Betrachtung der etruskischen Überlieferungen geradezu aufdrängt.
Die etruskischen Priester beherrschten nicht nur die Beobachtung und Deutung der Blitze, sondern auch den Blitzzauber. Der Blitzschauer heißt im Lateinischen fulgur(i)ator. Das Wort hat eine doppelte Bedeutung, nämlich "Blitzschauer" und "Blitzmacher". (Pfiffig, 128)
Die etruskischen Fulguriatoren konnten Gewitter und Blitz herbeiziehen, diese aber auch abwehren. Den antiken Autoren wie Plinius und Livius war zwar die Möglichkeit des Blitzemachens bekannt, nicht aber die praktische Durchführung. Es komme auf ganz bestimmte Opfer und Gebete an, die aber nicht öffentlich und von bekannter Art seien. (Pfiffig, 129)
Ich persönlich vermute, im Rahmen der Paläo-SETI-Hypothese, daß der ganze Vorgang wohl eher technischer Art gewesen sein muß. Von den Etruskern ist diesbezüglich zwar nichts bekannt, die mykenischen Griechen sollen die Technik des Blitzherabziehens jedoch von ihren Bronzeschmieden haben ausüben lassen. Diese Ingenieure des Altertums hätten es verstanden, Blitze aus vorüberziehenden Wolken zu ziehen. Die Blitzen schlugen dann in hohen Bäumen ein oder in speziellen hochaufragenden, frei stehenden Bronzepfeilern, die zu den offenen Heiligtümern verschiedener hochgelegener Kultplätze gehörten. (Pfiffig, 129)
Zurück zu den Etruskern. Neben den als Waffe eingesetzten Blitzen vom Himmel gab es auch solche, die aus der Erde kommen. (Pfiffig, 313) Sie unterscheiden sich von den himmlischen Blitzen durch ihre gerade Stoßrichtung, während die himmlischen eine schräge Stoßrichtung haben. (Pfiffig, 316) Plinius erzählt in seiner Naturgeschichte eine alte etruskische Geschichte nach, derzufolge einst ein Ungeheuer namens Volta die Felder der Stadt Volsinii verwüstete und sich der Stadt näherte. Der historisch belegte König von Clusium, Lars Porsenna, habe daraufhin einen Blitz vom Himmel herabgezogen und das Ungeheuer dadurch vertrieben. (Pfiffig, 313) Auch nach der Vernichtung der heiligen Bücher der Etrusker um das Jahr 400 n. Chr. geriet die Lehre der etruskischen Priester zunächst nicht in Vergessenheit, da sich bis ins 7. Jahrhundert hinein entsprechende Verbote der etruskischen Disziplin finden. (Pfiffig, 382)
Daß die etruskischen Priester sich ihrer Kunst sehr sicher gewesen sein müssen, belegt folgende Begebenheit: Zu Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr. belagerte der Westgotenkönig Alarich mit seinem Heer die Stadt Rom. Da erschienen einige Etrusker, vermutlich Priester, beim Konsul Pompeianus und unterbreiteten ihm trotz einschlägiger Verbote des Blitzherabziehens ein darauf hinauslaufendes Angebot. Nach alter Väter Brauch wollten sie ein plötzliches Gewitter mit gleichzeitigen Blitzen verursachen, um das feindliche Heer zu verjagen. Der Konsul verwies sie jedoch an Innocentius, den Bischof von Rom. Da die Etrusker darauf bestanden, ihre Riten trotz des Verbotes öffentlich und offiziell zu vollziehen, lehnte man ihr Angebot ab. (Pfiffig, 382). Der 40. Papst, Innozenz I., der von 402-417 amtierte, wurde später heilig gesprochen. Und was geschah mit Alarich und der Stadt Rom? - Diese wurde am 24.August 410 n. Chr. von den Westgoten unter ihrem König Alarich eingenommen und drei Tage lang geplündert.
Literatur:
Banti, Luisa
Die Etrusker, Essen: Phaidon Verlag, o.J.
Benzin, Nicolas
"Tore in die Anderswelt - Brunnen, Seen und Teiche in Sagen und historischen Überlieferungen", S. 252-271 in: Thomas Mehner (Hrsg.), An den Grenzen unseres Wissens Band 2: Wissenschaft - Der Irrtum neuester Stand, Suhl: CTT-Verlag, 1998
Cicero, Marcus Tullius <44 v. Chr.>
Über die Wahrsagung: De Divinatione, hrsg., übers. U. Erl. Von Christoph Schäublin, München; Zürich: Artemis & Winkler, 1991
Dopatka, Ulrich
Die große Erich-von-Däniken-Enzyklopädie: Die phantastische Perspektive der Menschheit, Düsseldorf; München: ECON, 1997
Dröge, Christoph
"Etruskische Religion", S. 169-170 in: Waldenfels, Hans (Hrsg.) <1987>, Lexikon der Religionen: Phänomene-Geschichte-Ideen, Freiburg; Basel; Wien: Herder, 1992
Fiebag, Peter
Zeitreise zur Apokalypse: Der Untergang rätselhafter Kulturen und die Zukunft unserer Zivilisation, Düsseldorf; München: ECON Taschenbuch Verlag, 1997
Grant, Michael <1980>
Rätselhafte Etrusker: Porträt einer versunkenen Kultur, Bergisch-Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 1997
Kinder, Hermann und Werner Hilgemann <1991>
Atlas zur Weltgeschichte, Stuttgart; München: Deutscher Bücherbund, o.J.
Pfiffig, Ambros Josef <1975>
Religio Etrusca: Sakrale Stätten, Götter, Kulte, Rituale, Wiesbaden: VMA-Verlag, 1998
Prayon, Friedhelm
Die Etrusker: Geschichte-Religion-Kunst, München: C. H. Beck, 1996
Sachmann, Hans-Werner
In Schutt und Asche: Die Arsenale der Unsterblichen, Baden-Baden: Metzmaier-Verlag, 1989
Stützer, Herbert Alexander
Die Etrusker und ihre Welt, Köln: DuMont, 1992
Torelli, Mario <1984>
Die Etrusker: Geschichte, Kultur, Gesellschaft, Wiesbaden: Fourier Verlag, 1998