Watergate

von Gisela Ermel


Wer kennt es nicht: das Märchen von Frau Holle, der Goldmarie und der Pechmarie? Da springt ein junges Mädchen in den Dorfbrunnen, ihrer hineingefallenen Spindel nach – und landet in Nullkommanix in einer völlig fremden Gegend: dem "Reich der Frau Holle". Statt von Wasser umgeben zu sein, spaziert das junge Mädchen unter einem blauen Himmel über eine Wiese, an Bäumen vorbei, durch eine völlig unbekannte Landschaft. Was war geschehen?

 

Isoliert betrachtet könnte man das Märchen als nette Phantasterei ansehen, ausgedacht von unseren Vorfahren zur reinen Unterhaltung. Merkwürdigerweise fielen aber allerorts in den Mythen Menschen in einen Brunnen, Teich oder See – und landeten in Nullzeit an einem völlig fremden oder weit entfernten Ort.

Einen Springbrunnen als Nullzeit-Tor soll ein junger Hirte erlebt haben, so überliefern es die Iren. Dieser Hirte habe eines Tages an einem Elfentanz teilgenommen und fand sich plötzlich, ohne zu begreifen wie, in einem Palast der Elfenwelt wieder. Er soll dort einige glückliche Jahre verbracht haben. Die Elfen hatten ihm von Anfang an ein striktes Verbot erteilt: er sollte sich vom Springbrunnen des Palastgartens fern halten und niemals auch nur auf den Gedanken kommen, das Wasser zu berühren! Hat sich je ein Märchenheld an ein Verbot oder Tabu gehalten? Richtig! Auch unser junger Hirte nicht! Er ging eines Tages , von Neugier oder Durst getrieben (ich tippe auf ersteres), zum Springbrunnen, tauchte seine Hände ins Wasser und – befand sich im selben Augenblick wieder bei seinen Schafen zu Hause.

Passierte er ein Nullzeit-Tor? Und nicht nur das: er machte auch noch einen Zeitsprung rückwärts: er stellt später fest, dass während der bei den Elfen verbrachten Jahre zu Hause nur wenige Minuten vergangen waren.

In den Vorstellungen der Kelten waren unsere Welt und die "Anderswelt" Zwillingswelten, die parallel nebeneinander existierten. Man glaubte fest daran, dass an "heiligen Orten" wie Brunnen oder Quellen die beiden Welten einander so nahe waren oder so nahe kommen konnten, dass es möglich sei, die unvorstellbare Kluft zu überbrücken und beinahe nahtlos in die andere Welt hinüberzugelangen.

Wasser als Nullzeit-Tor? Oder wie kamen unsere Vorfahren allerorts auf die bizarre Vorstellung von den herrlichsten Landschaften unter einem Teich, Brunnen, See oder unter dem Meer? In zahlreichen Mythen besuchen Menschen ein Land auf dem Meeresgrund, das eben nicht eine untermeerische Basis ist, wie wir sie ganz sicher in Zukunft einmal bauen werden, und wo die Wohnbereiche streng hermetisch gegen das Wasser abgeschlossen sein müssen und es nur künstliche Beleuchtung geben wird – nein, bei den Meeresbesuchen unserer Mythenhelden finden diese dort ein Land vor mit blauem Himmel, Wiesen, Feldern, Äckern, Dörfern, Palästen usw.

Über dem nordhessischen Frau-Holle-Teich auf dem Meißner heißt es in einer Sage: "Sie hat dort unten einen Garten, so schön, wie es keinen zweiten gibt. Und denen, die ihr begegnen und ihr zu gefallen wissen, schenkt sie Blumen und Früchte daraus, oder auch Kuchen und andere gute Dinge, die sie unten im Teiche hat."

In Varianten ist diese unterseeische Welt allerorts bekannt. Märchensammler Bechstein schreibt vom "Garten im Brunnen"; auf der Insel Amrum geht die Mär vom "Wunderbrunnen", und in Kleinrussland gelangt ein Mädchen, das ins Wasser gefallen war, durch eine Tür in eine andere Welt, wo es herrlich warmer Sommer ist, während "oben" bitterkalter Winter herrscht.

Fremde Reiche im See, Elfenwelten auf anderen Brunnenseiten, Städte unterm Fluss, Länder auf dem Meeresgrund – was mag wirklich hinter diesen Mythenmotiven stecken? Fernes – und gleichzeitig do so nahes – Land, erreichbar in Nullzeit durch eine uns unbekannte Tor-Technik?

Wer die seit 1997 im TV laufende Science-Fiction-Serie "Sliders" verfolgt oder eine der Folgen der Serie "Stargate" gesehen hat, kann sich leicht vorstellen, dass unsere Vorfahren etwas beobachtet / erlebten, das sie lediglich mit einem "Wasserstrudel" oder "Brunnenloch" verwechselten, in, auf oder durch das eine Person oder ein Wesen ins "Nichts" verschwand – oder das eine Person in Nullzeit an eine unbekannte Örtlichkeit "transportierte". Das Parallel-Welt-Tor, das die Trick-Techniker eigens für die Serie "Sliders" entwarfen, erinnert tatsächlich unübersehbar an einen Wasserstrudel. Sahen unsere etwas ähnliches?

Mythen wie die oben kurz erwähnten gibt es in unübersehbarer Fülle, und das in so gut wie jedem Land oder Kulturkreis unseres Planeten. Ronald, einer meiner Freunde, mit dem ich während einer netten Gesprächsrunde über diese merkwürdigen Brunnen- und Seen-Mythen diskutierte, brachte den Kern dieser Überlieferungen kurz und treffend auf den Punkt: "Frau-Holle-Teich – senkrecht gestellt: Stargate!" Besser kann man es wohl kaum ausdrücken.

In meinem Buch "Das Stargate-Phänomen" zeuge ich, dass unsere Vorfahren neben den "Watergates" auch Tore in Bergen, Höhlen und Felsen kannten, Mountaingates sozusagen, und diese mit derselben phantastischen Wirkung: das jeweilige Tor transportierte den Probanden in Nullzeit an eine andere, meist unbekannte Örtlichkeit, womit oftmals auch eine Zeitreise verbunden war, was sich hinterher erst in der Heimat zeigte, wenn der Tor-Passant feststellte, dass "zu Hause" inzwischen mehr Zeit, gar keine Zeit oder weniger Zeit verging im Vergleich mit der Zeit, die er "drüben" verbrachte. Doch die unerklärlichsten Tor-Mythen berichten von Toren, die selbst im "Nichts" verschwanden, nachdem der Passant sie passiert hatte. Mobile Stargates – und das schon in grauer Vorzeit? Und als ob dies noch nicht des Phantastischen genug wäre: unsere Mythen berichten auch in hunderten von Beispielen von Gegenständen, die den Benutzer in Nullzeit an jeden gewünschten Ort versetzen – beamen – konnten. Darüber hinaus beobachteten unsere Vorfahren offenbar geheimnisvolles Verschwinden und Auftauchen von menschlichen Wesen, das mit physikalischen Phänomenen wie Windstoß, Lichtblitz und / oder Knall in der Luft zusammenhing – Phänomene, wie sie unsere modernen Science-Fiction-Autoren als Begleiterscheinung bei Teleportations- und Beam-Vorgänge schildern. Alles Schnee von Gestern? Die Leser meines Buches mögen sich selbst ein Urteil bilden – aber es behaupte niemand, "beamen" werde es für uns niemals gegeben: seit dem ersten erfolgreich "getunnelten" Lichtquant vor wenigen Jahren in einem wissenschaftlichen Laboratorium in Österreich stehen uns hier für die Zukunft alle Wege offen!

 

Literaturhinweis:

Benzin, Nicolas

"Tore in die Anderswelt: Brunnen Seen und Teiche in Sagen und historischen Überlieferungen"

Erschienen in: "An den Grenzen unseres Wissens" Band 2 – Wissenschaft – der Irrtum neuster Stand, Suhl 1998, Seite 252-271