|
Wer kennt den Ancient Mail Verlag? Eine Erwiderung von Dieter Vogl |
Werter Herr Philosoph,
als Vertreter der Lehre Giordano Brunos und als Erhalter des Werkes, ist man derartige Ansichten, wie Sie sie vortragen, gewohnt. Schon Bruno musste sich, wie sein Werk „Von der Monas, der Zahl und der Figur (1591“eindeutig belegt, mit Menschen herumschlagen, die gegen seine Meinung waren und ständig unsachliche und argumentationslose Schmähschriften gegen diesen großen Denker verfassten. Als die nicht mehr fruchteten, wurde er gefoltert, inhaftiert und schließlich verbrannt. Und deshalb stehen wir wie Bruno, man kann uns ja nicht mehr verbrennen, auf dem Standpunkt:
„Wir kümmern uns nicht darum, was die Meinung dummer Leute über uns sagt, oder was von irgendwelchen Stühlen gnädig verlautet.“
Wie dem auch sei: ich bin Angriffen gegenüber, vor allem wenn sie unter die Gürtellinie gehen und unsachlich geführt werden, nicht so gleichgültig wie Bruno. Ich liebe den Disput! Zumal dann, wenn er von jemanden angeregt und geführt wird, dessen ethisches Grundprinzip es zu sein scheint, andere Menschen und deren abweichende Ansichten zu verunglimpfen.
Ein paar Sätze im Vorfeld: Wer eine Buchbesprechung schreibt, dies muss man jedem Kritiker ans Herz legen, sollte sehr schnell zur Sache kommen! Sich nicht mit langen Vorreden aufhalten und das Buch selbst beurteilen, und vor allem dessen Inhalt einer Prüfung, einer sachlichen Besprechung unterziehen. Dies zumindest war stets mein Prinzip. Und, werter Herr Philosoph, dies nur am Rande. Ich habe sehr viele Rezensionen, sehr viele Artikel für bekannte Zeitschriften und sehr viele Bücher geschrieben! Weit, weit mehr als Sie! Nie wäre mir dabei auch nur einmal in den Sinn gekommen, einen Verleger oder gar einen Autor persönlich anzugreifen.
Nicht so Sie – ohne die eigentliche Aussage des Buches zu würdigen – beleidigen Sie den Verleger, ohne Argumente vorzutragen den Verein und ebenso ohne objektive Darlegungen den Autor. Und mich, als Verfasser des Vorwortes. Man möchte hier, nur im Hinblick auf Ihr eigenes Renommee, mit dem Worten Brunos sprechen und Ihnen ans Herz legen: Ad rem, ad rem.
Schade das Sie das nicht taten und nur ein unsachliches Pamphlet verfassten, welches nicht für einen einzigen Augenblick dazu geeignet ist, in einer sachlich geführten Diskussion als Basis angeführt zu werden. Wie gesagt schade – aber dennoch kommt Ihre Reaktion nicht von ungefähr. Schon Bruno kannte die Eitelkeit der Philosophen. Man beachte in diesem Zusammenhang, was er in seinem Werk „Vom dreifach Kleinsten und vom Maß (1591)“ über diesen Menschenschlag sagte, welche zwar sich selbst, aber keinem anderen die Liebe zur Weisheit zutrauen:
Bruno vertrat dabei die Ansicht, dass der Philosoph „nicht nach dem Hörensagen, nach dem Ruhm, nach der Meinung der Menge, wegen lange andauernder Gültigkeit, wegen Titeln oder Ausschmückungen urteilen (sollte), sondern wegen gut durchdachter und gesammelter Begründungen, wegen der Konsequenz der Beweisführung, wegen der Lebendigkeit, in der sich die Lehre in ihm und in den Dingen zeigt, und er sollte nur im Licht des Denkens die zu erkennende Wahrheit beurteilen und festlegen.“
Sie, werter Herr Philosoph, haben alle diese Ideale – insbesondere weil Sie die Kernaussage des Buches von Benzin nicht einen einzigen Augenblick würdigen – ad absurdum geführt und man könnte mit den Worten des Germanist Dr. Anacleto Verrecchia sprechen, der sagt:
„Ohne verallgemeinern zu wollen, kann man sagen, dass Bruno keine Sache für Professoren ist: Sie verstanden ihn nicht, als er am Leben war, und sie verstehen auch den Toten nicht. Das zeigt gerade die umfangreiche professorale Bibliographie über den Philosophen, die hauptsächlich aus einem Gestrüpp von größeren und kleineren Aufsätzen über diese oder jene Einzelheit besteht; fast nirgends aber fasst ein Buch sie in einem Schwung zusammen.
Auch Sie, Herr Philosoph, haben Bruno nicht verstanden oder, was jedoch weitaus schlimmer wäre, sie wollen ihn nicht verstehen und Sie kritisieren, weil ich schreibe: "dass [Brunos] Gedankenwelt überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand. Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten."
Wenn man an die Wissenschaft – ohne sie zu hinterfragen – glaubt und immer davon ausgeht, dass das Hier und Heute der momentane Gipfel der aktuellen Erkenntnisse ist und man dabei verleugnet, dass das Rad – was die Wissenschaftsgeschichte eindrucksvoll belegt – sehr oft neu erfunden wurde, der geht an der Realität vorbei. In diesem Zusammenhang schreibt Bruno im „Aschermittwochsmahl (1584)“:
„Nun gut, Meister Prudenzio, wenn die allgemeine Überzeugung, die auch Ihr teilt, nur insofern wahr ist, als sie alt ist, so war sie gewiß falsch, als sie neu war. Denn noch ehe die Philosophie, die Eurem Geist gemäß ist, aufkam, gab es die der Chaldäer, Ägypter, Magier, Orphiker, Pythagoreer und anderer aus frühester Zeit, die unseren Vorstellungen entspricht und gegen die sich zuvörderst jene unbesonnenen und törichten Logiker und Mathematiker auflehnten, nicht so sehr, weil sie dem Alten feindlich gegenüberstanden, als vielmehr, weil sie die Wahrheit verschmähten. Lassen wir also das Argument des Alten und Neuen, da es nichts Neues gibt, das nicht alt sein könnte, und nichts Altes, das nicht einmal neu gewesen wäre, wie Euer Aristoteles sehr richtig bemerkt.“
Mir zu unterstellen, ich würde Bruno als Zeitreisenden betrachten, ist gelinde gesagt Humbug. Bruno war lediglich der Träger eines Wissens, welches – wie er es selbst formuliert – unter anderem bei den Chaldäern oder Ägyptern ihren Ursprung hat.
Ferner kritisieren Sie – und auch hier zeigt sich, dass Sie von Bruno und dessen Aussagen entweder nichts gelesen haben oder in, was wahrscheinlicher ist, nicht verstehen. Wie viel Aussagekraft das von Ihnen angeführte Zitat hat, merkt man allerdings erst dann, wenn man die dafür zuständige Primär- und Sekundärliteratur kennt.
Benzin frägt und stellt fest: "Was mag wohl die "Monas hieroglyphica darstellen? Wenn man Monas als den "Urgrund allen Seins übersetzt und hieroglyphisch mit "heiliges Zeichen darstellend", die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor."
Sie ziehen diesen Rückschluss ins Lächerliche und argumentieren damit, das dies „ein Musterbeispiel eines abduktiven Schlusses (Schluss auf die beste Erklärung) ist, der natürlich daran hakt, dass das Urteil darüber, was eine "beste Erklärung" ist, durch keine Kenntnis getrübt ist.“
In Ihrer Überheblichkeit und Eitelkeit hinterfragen Sie freilich, auch dass wissen Sie offensichtlich nicht, Ihren eigenen Berufsstand, denn wie nah die Interpreten aus dem Bereich der universitären Philosophie der Lösung des Rätsels bereits gekommen sind, aber im Ansatz stecken bleiben mussten, mag folgende Fußnote von Prof. Elisabeth von Samsonow bezeugen, die Benzin in seinem von Ihnen so kritisierten Werk „Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“ auf Seite 106 wieder gibt. Dort heißt es:
“Die `Minima-Geometrie´, die Bruno in `De minimo´, in `De monade´ und in den `Praelectiones´ entwickelt, bemüht sich um eine Art elementarer Geometrie, eine Art geometrischer Embryologie , die die Organisationsformen der Materie herleitbar machen soll. An ähnlichen Projekten, alchemistisch inspiriert, arbeiteten John Dee, den Bruno in London kennengelernt hatte und dessen `Monas hieroglyphica´ im selben Jahr wie Brunos `De monade´ bei Wechel in Frankfurt gedruckt wurde [!; NB] sowie Roger Bacon, dessen `Specula Mathematica´ ein auffällig ähnliches Projekt in der `Specierum multiplicatio´ verfolgte, und 1614 in Frankfurt bei Wolffgang Richter gedruckt wurde.”
Benzin spricht von Zellbiologie und die Philosophen von geometrischer Embryologie. Wo, werter Herr Philosoph, liegt der Unterschied? Beide Seiten praktizieren die formale Hypothesis und vertreten damit die Abduktion, von deren Erklärungsprinzip die Bedeutung eines Begriffes davon abhängt, welche Konsequenz sich aus einer Einführung und welche Probleme damit dargestellt und vor allem, welche Probleme damit gelöst werden können.
Lange Rede kurzer Sinn: Benzins Buch bietet Lösungsansätze für Probleme, die von der Wissenschaft schon lange hin und her geschoben werden. Und letztlich will Benzin mit seinem Buch nur dazu beitragen, dass ein neuer Gedanke in die Diskussion einfließt.