Wer kennt den Ancient Mail Verlag?

von Joachim Eberhardt


Ich nicht, bisher. Ein Blick auf die Homepage zeigt, dass es ein Besserwisser-Verlag ist:

"Interessieren Sie sich für Archäologie und die Geschichte der Menschheit? – Haben Sie auch schon manches Mal bemerkt, dass diese nicht immer so verlaufen ist, wie uns die Archäologen und Historiker glauben lassen wollen? – Dann sind Sie auf dem Online-Katalog von Ancient Mail genau richtig!!"

Die bemerkt man, dass die Geschichte nicht so verlaufen ist, wie uns die Fachleute glauben lassen wollen? Das erkenntnistheoretische Problem. Warum wollen uns die Fachleute was falsches glauben lassen? Das wissenschaftstheoretische (und ein moralphilosophisches) Problem. Na, egal. Ich komme drauf, weil ein Buch von Nicolas Benzin auf meinem Schreibtisch liegt: Giordano Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance. Das klingt doch wie ein ernstzunehmender Titel. Aber der Verlagsname macht einen misstrauisch, und wenn man das Programm liest, wird's nicht geringer.
Und wer ist Benzin? Ein Diplom-Finanzwirt und Angehöriger der Bundesfinanzverwaltung, der sich nebenberuflich mit Archäologie und anderen interessanten Dingen beschäftigt. Und Präsident der Giordano Bruno-Gesellschaft e.V.
Aber wer mit dem Verlag nichts anfangen kann, wird auch mit der Gesellschaft nichts anfangen können, denn die arbeitet in die gleiche Richtung. Das Vorwort stammt von einem Dieter Vogl. Der findet es z.B. bemerkenswert,

"dass [Brunos] Gedankenwelt überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand. Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten."

Das muss man wohlwollend lesen; es bedeutet eigentlich, dass Vogl denkt, die Gedanken Brunos stammen aus dem Hier und Heute. Dahinter kann man dann auch ahnen, was uns die Historiker und Archäologen verschweigen wollen (s.o.). Was soll der denkende Mensch mit Vogls Feststellung anfangen, dass Bruno "über Sachverhalte schreibt, die er gar nicht gewusst haben kann"? Da bleibt nur der Raum für die Schlussfolgerung, dass Bruno eigentlich aus der Gegenwart stammt. Ein Zeitreisender. Schön, dass Brunos Schriften heute "in allen Teilen der Bevölkerung auf so große Resonanz" stoßen, wie Vogl weiß (natürlich auch Mitglied der Gesellschaft; er hat mit Benzin zusammen die "Urmatrix" der Erzeugung menschlicher Organe kabbalistischen Schriften der Antike entnommen).
Nun wird man neugierig, für welche Gedanken Brunos Benzin diese Inkompatibilität mit dem Weltbild seiner Zeit annimmt. Auf S. 54 wird man zum ersten Mal fündig: 1591 hat Bruno ein Buch "Von der Monas, der Zahl und der Figur" veröffentlicht, ähnlicher Titel wie eine Schrift John Dees von 1564. Dazu Benzin:

"Was mag wohl die "Monas hieroglyphica darstellen? Wenn man Monas als den "Urgrund allen Seins übersetzt und hieroglyphisch mit "heiliges Zeichen darstellend", die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor."

Das weitere Argument dafür brauche ich wohl nicht auch noch zu zitieren. Ein Musterbeispiel eines abduktiven Schlusses (Schluss auf die beste Erklärung), der natürlich daran hakt, dass das Urteil darüber, was eine "beste Erklärung" ist, durch keine Kenntnis getrübt ist.
Ich muss gestehen, dass ich ganz gern in solchen Büchern lese, das ist eine Art Grenzerfahrung. Hinter meinen Grenzen ist das Gedankengebäude ganz bestimmt, und man kann immerhin zitieren: " ... so hat es doch Methode."